Gendern eigentlich Dolmetscher*innen?

Beim Dolmetschen gendern – das habe ich bislang eigentlich ganz munter „nach Gefühl“ gehandhabt. Klar, wenn die Rednerin oder der Redner der Ausgangssprache gendert, übernehme ich das in der Zielsprache – sofern die sprachlichen Mittel das hergeben. Aber wenn die Originalsprache etwa Englisch ist, ist die Lage häufig alles andere als klar. Viele Benennungen erfordern keine Differenzierung bzw. lassen diese auch nicht erkennen (participant, doctor, president, friend). Das lässt uns beim Dolmetschen mitunter nicht nur graue Haare wachsen, weil wir nur raten oder blitzschnell nachschlagen können, ob the commissioner nun Herr Kommissar oder Frau Kommissarin ist, sondern weil sich auch noch die vertrackte Frage stellt, ob bzw. wie wir in der Zielsprache – wenn diese zum Beispiel Deutsch oder Spanisch ist – gendern.

Zur Frage, ob ich gendere, ist die Antwort dolmetsch-typisch ganz klar: Es kommt auf den Kontext an. Wir dolmetschen für den Moment. Relevant ist, ob die redende Person gendern würde, wenn ihre Sprache die Mittel dafür hergäbe. Es stellt sich also jedes Mal die Frage: Wer redet? Was ist die Intention der vortragenden Person? In welchem Kreis befinden wir uns (Frauenausschuss, Monteurschulung, Fraktionssitzung der Grünen oder Bilanzpressekonferenz)?

Bleibt die Frage, wie ich gendere. Was mache ich zum Beispiel aus dem gender-neutralen englischen Dear participants? Beim Dolmetschen ins Deutsche habe ich hier durchaus die Qual der Wahl zwischen unterschiedlichen Spielarten der Gendersprache. Im Sinne einer schnellen Entscheidungsfindung, wie wir sie beim Simultandolmetschen brauchen, könnte man grob unterscheiden zwischen:

progressiver Gendersprache – Neuschöpfungen wie die gesprochene “Binnen-Lücke” mit Glottisschlag, verschriftlicht als TeilnehmerInnen/Teilnehmer_innen/Teilnehmer:innen/Teilnehmer*innen;

konservativer Gendersprache – Doppelnennung wie Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen, wie sie schon sehr lange üblich sind;

“vermeidender” Gendersprache – Umgehung des Genderns durch Substantivierung (die Zuhörerschaft, das Publikum), Gerundium (Studierende, Teilnehmende) oder alternative Ausdrücke (verfügt über eine Promotion in statt hat einen Doktor in, Personal/Belegschaft statt Mitarbeiter).

Interessanterweise ist die Auswahl im Spanischen durchaus ähnlich:

Was den Deutschsprachigen das progressive Gendersternchen bzw. die Binnenlücke, ist der spanischsprachigen Welt das neugeschöpfte so genannte dritte linguistische Genus – „el tercer género linguístico“: Statt todos y todas heißt es todes oder gleich todas, todas y todes, entsprechend (queridos, queridas y) querides participantes (im Schriftlichen auch wahlweise lxs participantes, l@s participantes, aber das ist für das Dolmetschen ja nicht relevant). Was beiden Phänomenen gemein ist: Sie sind neu, ungemein praktisch und nicht minder unumstritten. Für den persönlichen Umgang mit der deutschen und spanischen Sprache macht es das vielleicht kompliziert, aber im Dolmetschen kann man zumindest grob davon ausgehen, dass die Freund_innen und les amiges in ihrer Intention und Wirkung ähnlich sind.

Ansonsten gibt es auch hier die „konservative“ Doppelnennung (etwa queridas y queridos participantes oder compañeros, compañeras) und die unauffällige Umgehung durch alternative Substantive (estimada audiencia statt estimados auditores, la ciudadanía statt los ciudadanos) oder Adjektive (el desempleo juvenil statt desempleo entre los jóvenes), genderneutrale Pronomina (quienes quieran statt los/las que quieran, cualquiera statt todos/todas) oder Umschreibungen (personas que trabajan aqui statt trabajadores).

Für meine tägliche Arbeit hoffe ich, dass mir eine solche etwas strukturiertere Herangehensweise helfen wird, den richtigen Gender-Ton zu treffen. Danken möchte ich in dem Zusammenhang meinen Studierenden des MA Konferenzdolmetschen an der TH Köln für den angeregten Austausch! Über weitere gute Tipps und Ideen rund um das mehrsprachige Gendern freue ich mich natürlich 🙂


Möchtet Ihr mehr zum Thema lesen?

Zum Gendern im Deutschen: 

www.genderleicht.de 

Wie schreibe ich divers? Wie spreche ich gendergerecht? 

https://www.goethe.de/ins/es/es/kul/mag/21967217.html 

https://www.rechtschreibrat.com/geschlechtergerechte-schreibung-empfehlungen-vom-26-03-2021/ 

El lenguaje inclusivo en cuanto al género en espanol: 

https://www.rae.es/sites/default/files/Informe_lenguaje_inclusivo.pdf 

https://www.un.org/es/gender-inclusive-language/guidelines.shtml 

https://www.cultura.gob.cl/wp-content/uploads/2017/01/guia-lenguaje-inclusivo-genero.pdf 

https://www.acnur.org/5fa998834.pdf 

http://cedoc.inmujeres.gob.mx/documentos_download/101265.pdf 

Dolmetscherinnen zum Gendern:

https://2komma56.de/e15-wirklich-mitgemeint-gendersensibel-schreiben-sprechen-und-dolmetschen 

https://nadjaschmidt.eu/zeiten-gendern-sich/ 


Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widmet sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.

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