Schneller Lesen – dafür gibt es doch bestimmt eine App!

Für eine wirklich bessere Lesetechnik muss man definitiv auch das altmodische Gehirn bemühen, aber einige Aspekte davon – Blickspanne nutzen, nicht im Text zurückspringen – sind ja doch so mechanisch, dass man sich fragt, ob dabei nicht der Computer helfen kann. Und tatsächlich sind auf diese Idee auch schon andere gekommen.

Zunächst einmal vielen Dank an Conrado Portugal, der mir diesen Artikel aus der Huffington Post geschickt hat: http://m.huffpost.com/es/entry/4902279, (den es nicht nur auf Spanisch, sondern auch mindestens auf Englisch gibt). Die darin vorgestellte Schnell-Lese-App von Spritz ist leider nur für wenige Geräte erhältlich, eine ähnliche habe ich aber für mein Android-Tablet gefunden, nämlich “A Faster Reader“:

Das Prinzip ist einfach: Die Wörter eines Textes werden einzeln nacheinander angezeigt (das Tempo kann man regulieren), so dass das Auge immer auf dem gleichen Punkt ruhen kann und keine Zeilen abtasten muss. Cool gelöst: Wenn man einen Text mit dieser App lesen möchte, geht man einfach auf “Teilen” und wählt “SpeedReader” aus.

Vielleicht nicht das romantischste Leseerlebnis, aber schon effizient, und irgendwie doch charmant  – vor allem aber nützlich, wenn man mal etwas am winzigen Smartphone-Bildschirm lesen muss.

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Audio-Vorbereitung 3: Hurra, mein Glossar spricht! Aus mehrsprachigen Tabellen mp3s zaubern

So hocherfreut ich war festzustellen, dass der Computer problemlos geschriebenen Text vorliest und das Vorgelesene auch ohne viel Murren als mp3 herausrückt, so sehr hat es mich dann gefuchst, dass das mit mehrsprachigen Glossaren nicht so mir nichts, dir nichts funktionieren wollte. Ich habe also einige Spracherzeugungssoftware-Hersteller mit der Frage genervt und ein bisschen rumprobiert, und siehe da, letztendlich habe ich doch einen einigermaßen bequemen und bezahlbaren Weg gefunden:

Für 20 EUR habe ich mir TextAloud gegönnt (bereits vorgestellt hier http://wp.me/p3KGB8-2n) und bin damit bestens gewappnet. Man muss dem Programm nur mit ein paar Tags auf die Sprünge helfen, damit es weiß, an welcher Stelle es welche Sprache sprechen muss, aber dann funktioniert es wunderbar.

Folgende Tabelle habe ich TextAloud zum Vorlesen gegeben, in der ich vor jede Spalte eine zusätzliche Spalte eingefügt habe, in der steht, welche Stimme sprechen soll:

ExcelGlossar mit Tags

Wie diese Tags aussehen, findet man heraus, indem man es einmal in TextAloud direkt ausprobiert:

TextAloud

Die fertig präparierte Excel-Tabelle befördert man dann per Copy&Paste in TextAloud:

TextAloud Glossar

Dann klickt man auf „Speak“ oder „To File“ – und fertig!

Hier das Ergebnis zum Anhören:

Nicht schlecht für einen Computer, finde ich. “Te-ha-ymian” ist ein bisschen lustig, aber auf jeden Fall erfüllt das Ganze seinen Zweck, sich im Auto, beim Sektfrühstück oder beim Kugelschreiberzusammenschrauben die 200 wichtigsten Termini für die morgige Konferenz noch einmal anzuhören.

Und zum Schluss die gute Nachricht: Wenn man sich die Mühe einmal gemacht hat exterior painting, speichert man sich einfach eine leere Vorlage in Excel (so wie diese hier: Glossar für TextAloud LEER, geht wahrscheinlich auch in Word) und muss beim nächsten Mal nur noch seine Glossarspalten hineinkopieren.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Audio-Vorbereitung 2: Die kostenlosen Microsoft-Computerstimmen und was man damit machen kann

Sich Textdokumente durch eine Computerstimme vorlesen zu lassen, ist einfacher, als mancher vielleicht denkt. Es geht im Prinzip sogar mit den Bordmitteln von Windows 7 oder 8. In diesem Beitrag beschreibe ich im Einzelnen,

  • was man tun muss, damit man sich dann ziemlich komfortabel in MS-Word einen Text vorlesen lassen kann und
  • wie man daraus mp3-Dateien erzeugt bzw. mit welchen kostenlosen und kostengünstigen Programmen das noch besser/einfacher geht.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur für Windows 8 und Office 2013 sprechen. Mir wurde jedoch gesagt, dass es in Mac OS ungleich einfacher ist, sich Texte vorlesen zu lassen und diese als mp3 zu speichern (Alex, vielleicht möchtest Du das in einem Kommentar vertiefen?).

In Windows 8 ist eine so genannte “Sprachausgabe” enthalten. Sie klingt auf Deutsch mit der Stimme von Hedda so:

In britschem Englisch mit Hazels Stimme so:

Um diese zu nutzen, muss man vorher nur ein paar Dinge tun:

– Die “Microsoft Speech Platform – Runtime (Version 11)” herunterladen und installieren:
http://www.microsoft.com/en-us/download/details.aspx?id=27225

Die gewünschten Sprachen herunterladen und installieren:
http://www.microsoft.com/en-us/download/details.aspx?id=27224
Hier einfach auf den „Englisch“-Button klicken, danach bekommt man eine Auswahl der verfügbaren Sprachen. „TTS“ steht für Text to Speech (Sprachausgabe), „SC“ steht hier für Speech Recognition (Spracherkennung).

(Wer Windows 7 und Office 2010 hat, findet hier die entsprechenden Anweisungen von Microsoft: http://office.microsoft.com/en-us/word-help/using-the-speak-feature-with-multilingual-tts-HA101825279.aspx)

Damit hat man alles an Bord und muss dann nur noch die Sprachausgabefunktion in Word aktivieren:

  • Datei/Optionen/Symbolleiste für den Schnellzugriff
  • Befehle auswählen: Befehle nicht im Menüband
  • In MS-Word den Befehl „Sprechen“ auswählen und auf “Hinzufügen” klicken (in MS-Excel alle Befehle mit “Eingabezellen”).
  • Mit OK bestätigen

Und schon steht die Vorlese-Schaltfläche zur Verfügung:

Leider kann man sich hiermit die Texte nur “live” vorlesen lassen, aber keine Audio-Datei erzeugen (wie man es am Mac kann).

Dazu reicht es aber, sich die kostenlose Aufnahmesoftware Audacity zu installieren (http://audacity.sourceforge.net/download/), und schon kann es losgehen: In Audacity als Audioquelle „Stereo Mix“ auswählen (damit nicht über das Raummikrofon aufgenommen wird), auf “Aufnahme” – roter runder Punkt – klicken und dann in Word die Sprachausgabe starten.

Alles in allem also eine gut zu nutzende Funktion, wenn einmal alles eingerichtet ist.

Der Nachteil: Man muss sich zur mp3-Erzeugung wirklich immer den kompletten Text vorlesen lassen, was schnell lästig werden kann. Außerdem stoppt die Vorlesefunktion immer automatisch nach ca. 5 Minuten, d.h. man kann das System auch nicht einfach eine Stunde durchlaufen lassen und sich in der Zeit die Nägel lackieren gehen. Dieses Problem lässt sich aber ziemlich einfach lösen, etwa mit dem kostenlosen

MiniReader der zu Amazon gehörenden Firma IVONA: http://www.ivona.com/en/mini-reader/

Die Leiste legt sich über jedes Fenster und man muss nur den gewünschten Text markieren und auf Play klicken, schon liest es los. Der Ivona MiniReader bietet automatisch sowohl die installierten Microsoft-Stimmen an als auch zur Probe Ivona-eigene Stimmen.IvonaMiniReaderFREE

Die Ivona-Teststimmen kann man bei der Installation auswählen; es gibt mindestens Deutsch, Englisch (US/UK), Französisch, Spanisch (auch lateinamerikanisch), Portugiesisch (auch brasilianisch), Rumänisch, Italienisch, Niederländisch, Türkisch, Polnisch, Russisch, Schwedisch. Einzeln kosten die Stimmen ab 29 EUR, es gibt aber auch günstigere Pakete. http://www.ivona.com/en/voices/#offer

Ivonas Marlene liest den Kommissionsbeschluss folgendermaßen: Sie liest hier mal schneller und mal langsamer, weil ich während der Aufnahme mit dem Geschwindigkeitsregler gespielt habe. Am Anfang war sie mir ein bisschen zu flott und klang deshalb schnippisch. Die “Doppelebes-teuerung” kann ich ihr verzeihen. Insgesamt auf jeden Fall brauchbar!

Der große Vorteil des kostenlosen MiniReaders ist jedenfalls, dass er sechs Seiten (mehr habe ich nicht getestet) ohne Abbruch durchliest. Man kann damit allerdings auch keine Audiodatei erzeugen, dazu benötigt man dann wieder bspw. Audacity.

Alternativ bietet dies der kostenpflichtige Ivona Reader: http://www.ivona.com/en/reader/ Einsprachig gibt es diesen ab 49 EUR, mehrsprachige Pakete ab 129 EUR. Damit kann man dann Audio-Dateien generieren und theoretisch auch taggen, um einzelnen Textstellen unterschiedliche Sprachen bzw. Stimmen zuzuweisen.

Eine Alternative zum MiniReader + Audacity oder dem kostenpflichtigen Ivona Reader ist mein persönlicher Favorit  TextAloudhttp://www.nextup.com/TextAloud/ für 29,95 USD (19,99 EUR exkl. MWSt). Damit bekommt man eigentlich alles, was man braucht: Viele Sprachen, mp3-Generierung und Tagging für Glossare (dazu mehr im nächsten Blog-Beitrag). TextAloud

Stimmen kann man einzeln für einen Preis von 26,70 bis 34,20 EUR dazukaufen. Das Programm nutzt aber auch die installierten Stimmen von Microsoft und Ivona.

All dies habe ich getestet und es hat wunderbar funktioniert – TextAloud ist jetzt mein Standard-Instrument für das ziemlich problemlose Erstellen von Audio-Dateien auch aus mehrsprachigen Glossaren. Aber dazu mehr demnächst!

 

 

Audio-Vorbereitung 1 oder: Liest mir mal bitte jemand meine Vorbereitungstexte vor?

Als Dolmetscher sind wir ja alle auch ein bisschen in den Charme der gesprochenen Sprache verliebt. Meine Frage, wie ich auch in der Dolmetschvorbereitung mehr mit gesprochenen statt geschriebenen Wörtern zu tun haben könnte, hat deshalb zwar auch zum Ziel, beispielsweise die Autofahrt zum Anhören von Texten oder auch von mehrsprachiger Terminologie zu nutzen (mobile learning oder m-learning). Aber ganz abgesehen davon höre ich auch gerne aus Freude am Vorgelesenbekommen. Und nicht zuletzt halte ich es auch für plausibel, dass es uns Dolmetschern beim Abrufen von Terminologie als Klangbilder hilft, wenn wir diese auch in Form von Klangbildern und nicht als Schriftbilder gelernt haben.

Mit all diesen Beweggründen im Rücken habe ich mich nun also vor Wochen aufgemacht, die perfekte Lösung für das Erstellen von Audio-Dateien aus geschriebenen Texten zu finden – Stichwort Sprachausgabe, Sprachsynthese oder auch Text-to-Speech (TTS). Hier gibt es im Wesentlichen zwei Optionen:

1. die im Betriebssystem (Windows oder Mac OS) enthaltene Spracherzeugungsfunktion,

2. spezielle Spracherzeugungssoftware.

Es hat sich herausgestellt, dass eine besondere Herausforderung darin liegt, mehrsprachige Texte zu vertonen, also den Sprachwechsel innerhalb eines Textes (Glossars) zu bewerkstelligen – aber auch das ist möglich! Die unterschiedlichen Möglichkeiten zur einsprachigen bzw.  mehrsprachigen Vertonung werde ich in den nächsten Tagen in gesonderten Beiträgen vorstellen, denn sie sind teilweise etwas erklärungsintensiv.

Es sei nur so viel gesagt: Ich habe vergangene Woche im Auto eine halben Stunde lang Hedda (der deutschen Microsoft-Stimme) dabei gelauscht, wie sie mir einen EU-Kommissionsbeschluss über aggressive Steuerplanung vorliest. Das möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten:

Gut, Hedda hat einen leicht französischen Akzent, und mir ist plötzlich klar geworden, was für eine schöne und sinntragende Sache doch die Prosodie ist (Die englische Hazel hat mich da schon eher überzeugt. Aber ich denke, insgesamt sind die englischen Kunststimmen besser entwickelt als die restliche Sprachenwelt). Aber alles in allem habe ich mich nachher gut vorbereitet gefühlt. Das Gute (oder Schlechte) beim Vorlesen ist nämlich, dass man auch bei langweiligen Textpassagen gezwungen ist, sich beispielsweise mit den Finessen der Benennung von Mitgliedern einer Expertengruppe auseinanderzusetzen. Was schon mal gar nicht dumm ist.

 

Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012

Weil es gerade zu der Diskussion rund um Lesetechniken passt: Für alle Nicht-VKD-Kurier-Leser hier noch einmal mein minimal geänderter Artikel aus dem VKD-Kurier 4/2012 (Danke an die Redaktion für die Genehmigung). Alle anderen einfach wegklicken.

Dolmetscher digitaldement?

Wer sich auch nur annähernd für das menschliche Gehirn interessiert, dem ist der Autor Manfred Spitzer ein Begriff. Mich hat sein Buch “Geist im Netz” schon 1999 inspiriert, und nun hat er in diesem Jahr 2012 mit einem neuen Werk aufgewartet, das den verheißungsvollen Titel “Digitale Demenz” trägt. Keine Frage, dass ich es sofort lesen musste. Dabei hat mich weniger sein Feldzug gegen die Verblödung von Kindern interessiert, sondern vielmehr die Frage, ob seine Erkenntnisse womöglich Licht auf die Frage der geistigen Verlotterung unserer Zunft durch die Arbeit mit dem Computer werfen. Dabei stehe ich persönlich dem Einsatz von Computern bekanntlich positiv gegenüber; ich mache mir nichts aus dem sinnlichen Erlebnis gestorbener Bäume an meinen Fingerkuppen, auch der Geruch von Druckerschwärze lässt mich kalt. Es ist mir ein Anliegen, die Vorteile ebenso wie die Gefahren der Digitalisierung zu kennen. Ebenso hält es meiner Einschätzung nach Manfred Spitzer, dem in den Medien, wie ich meine, zu unrecht Computer- oder Fortschrittsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Für alle, die dieses Thema auch umtreibt, habe ich also im Folgenden meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Lektüre von “Digitale Demenz” zusammengetragen.

Medien an sich

Bei der ganzen Computerdiskussion und somit auch in “Digitale Demenz” fällt mir auf, dass viele Phänomene, die gemeinhin mit dem Computer in Verbindung gebracht werden, auch im Zusammenhang mit Papiermedien auftreten. Wenn heutzutage allenthalben gejammert wird, dass alle in der Dolmetschpause nur noch ihre Nase in Facebook oder Online-Zeitungen stecken, statt sich zu unterhalten, sollte man nicht vergessen, dass man unlängst Nasen zwar nicht in Facebook, aber stattdessen in Zeitungen, Liebesromane, Sudoku oder Urlaubsprospekte zu stecken pflegte. Gleiches gilt für Menschen in U-Bahnen und an Frühstückstischen. Und Tastaturgeklapper mag zwar stören, Zeitungsrascheln tut dies aber ebenso (wohingegen ein E-Book wunderbar lautlos ist).

Auch das bei Spitzer beschriebene Phänomen, dass Kinder heute ihre Lebenswirklichkeit so sehr aus dem Computer oder dem Fernsehen beziehen, ist zunächst ein allgemeines Problem der Medienbasiertheit. Gleiches gilt nämlich für Kinder, die tagträumend in ihrer Winnetou-Welt aus den Büchern leben. Medien ersetzen in keinem Fall das reale Lernen und “begreifen”. Und dieses Phänomen kennen auch wir allzu gut: Man vergleiche nur das Aha-Erlebnis, das man beim Dolmetschen einer Betriebsführung haben kann, weil man die in endlosen Powerpointfolien bedolmetschten Vorteile von Melkrobotern plötzlich am lebenden Objekt in Aktion sieht.

Damit sei mitnichten in Abrede gestellt, dass digitale Medien durch die Dichte der auf einen Menschen einprasselnden Reize ein deutlich höheres Sucht- und Zerstreuungspotential bergen als Bücher. Nur können umgekehrt Computer je nach Nutzungsform auch die positiven Eigenschaften von Büchern aufweisen.

Gut, dass wir darüber geredet haben

Spitzer erläutert eingehend, dass für das Verarbeiten von Informationen nichts so gut ist wie direkter sozialer Kontakt; durch Diskussion mit unseren Mitmenschen erreichen wir eine tiefe und emotionale Verarbeitungsart, die Ihresgleichen sucht. Und diese (an sich nicht ganz neue) Erkenntnis sollte uns Dolmetscher jubilieren lassen über unser instinktiv richtiges Verhalten. Wie oft entspinnt sich in der Dolmetschkabine eine lebhafte Diskussion über akute Fragen oder frisch gewonnene Erkenntnisse (“Wie funktioniert das nochmal mit den Emissionsrechten?” – “Ach, da war doch letztens noch was in den Nachrichten …”). Dem Problem, dass punktuell gestopfte Wissenslücken nicht im Gedächtnis haften bleiben, begegnen wir Dolmetscher völlig von selbst mit der richtigen Strategie, indem wir es unbedingt bequatschen – ganz ohne dass man es uns empfohlen hätte. Diese Gewohnheit sollten wir unbedingt pflegen und bewahren.

Begünstigend kommt hinzu, dass wir dank der neuen Medien in der Lage sind, Wissenslücken direkt in der Situation zu recherchieren, was das Verständnis und die Gedächtnisverknüpfung natürlich stark begünstigt. Abgesehen davon, dass viele Dinge überhaupt nachgeschlagen werden, die ansonsten auf dem Weg zurück ins Büro längst in Vergessenheit geraten wären.

Schreiben hilft beim Lernen?

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass sie Worte einmal mit Hand und Stift aufschreiben müssen, damit sie den Weg in ihr Gedächtnis finden. Spitzer verweist in seinem Werk auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass das Lernen von Buchstaben vermutlich besser mit dem Stift in der Hand gelingt, da die Spur des Stiftes im Gehirn abgebildet wird. Dies gilt jedoch für Buchstaben und nicht unbedingt für Wörter oder Sätze oder sogar Inhalte. Abgesehen davon, dass es in unserem Fall ohnehin wichtiger ist, Desoxyribonukleinsäure aussprechen und nicht buchstabieren zu können. (Vorteil des Computers: Er verfügt auch über Sprachausgabe.)

Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass das handschriftliche Notieren an sich ein Problem darstellt; wenn man sich mit einem Stift zwischen den Fingern einfach wohler fühlt als mit einer Tastatur, führt das schließlich auch zu emotionalem Wohlbefinden, was wiederum das Lernen erleichtert. Nur diejenigen, die befürchten, durch Überspringen der Phase des handschriftlichen Notierens gehe ihnen ein wichtiger Lerneffekt verloren, und sich deshalb nicht so recht trauen, auf ein rein papierfreies Arbeiten umzusteigen, können diese Sorge vielleicht hinter sich lassen und stattdessen frohen Mutes versuchen, sich an den mannigfaltigen Bequemlichkeiten (Wiederauffindbarkeit durch Volltextsuche, Sortierbarkeit, Rechtschreibkontrolle, Kategorisierbarkeit, Übertragbarkeit) des computergestützten Arbeitens zu erfreuen.

Nachdenken hilft beim Merken – Aufschreiben hilft nicht beim Merken

Wir lernen bei Spitzer: Man merkt sich eine Information weniger, wenn man weiß, dass sie gespeichert ist. Man merkt sich dann eher den Ort, wo etwas aufgeschrieben oder abgespeichert wurde. Auch wenn eine Sache noch nicht erledigt ist, verbleibt sie eher im Gedächtnis als etwas Erledigtes, das man gedanklich abgehakt hat. Was um Himmels Willen fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Nichts mehr aufschreiben? Wohl eher nicht. Im Zusammenhang mit der Immerverfügbarkeit von Informationen im Internet ist die Gefahr wohl deutlich: Man merkt sich nichts mehr, weil man weiß, dass man es jederzeit nachschlagen kann. Da wir während des Dolmetschens aber nicht fortwährend Dinge nachschlagen können, müssen wir wohl oder übel nach wie vor zusehen, dass wir die Dinge im Kopf haben.

Und hier greift eine zweite Erkenntnis aus Spitzers Buch: Aktives Überlegen ist besser fürs Memorieren als bloßes Lesen. Was für uns Dolmetscher bedeutet: Wenn wir zwar schwerlich aufhören können, uns Dinge zu notieren, so können wir doch auf der anderen Seite unsere Merkfähigkeit am Leben erhalten, in dem wir darauf achten, dass wir uns die Liste der wichtigen Termini zum Thema Obstbranddestillation nicht nur durchlesen, sondern uns wirklich selbst abfragen, also aktiv überlegen und den Terminus aussprechen, bevor wir uns selbst denn Blick auf die Lösung freigeben. (Auf die Möglichkeiten der Computerunterstützung aus dem Bereich des Vokabellernens sei hier nur in Klammern verwiesen.)

Erwachsene verknüpfen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches “Digitale Demenz” widmet sich der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Manfred Spitzer erklärt sehr einleuchtend, wie unterschiedlich erwachsene und kindliche Gehirne grundsätzlich lernen. Während bei Kindern innere Strukturen erst gebildet werden (müssen), lernen Erwachsene, indem sie neue Informationen mit dem vorhandenen Gefüge verknüpfen. Je mehr Aspekte einer Sache beleuchtet werden, desto vielseitiger die Verknüpfungen. Wichtig beim Lernen von Sachverhalten ist das Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels. Man erkannt das Ganze durch die Einzelheiten und umgekehrt. Erst so werden tiefe Wissensstrukturen gebildet. Wenn jemand, der dieses vielschichte Erfassen von Informationen nicht gelernt hat, nun im Internet etwas nachschaut, so erfolgt dies oft nur horizontal und nicht vertikal; er bleibt an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Er läuft auch Gefahr, sich durch die Vielzahl von Abwegen und Verknüpfungen ablenken zu lassen und zu verzetteln.

All dies wird also in Spitzers Buch stark betont und scheint auch mir von ganz zentraler Bedeutung für das Lernen und Denken einer ganzen Gesellschaft. Auf unsere Zunft hin interpretiert darf man dem jedoch durchaus auch entnehmen, dass mit entsprechendem Vorwissen ergänzende Informationen aus einer Suchmaschine sehr wohl gezielt gefunden, integriert und bewertet werden können. Wenn ich mich beispielsweise auf eine Wirtschaftskonferenz vorbereite und die Entsprechungen für Bruttoinlandsprodukt, Deckungsbeitrag, Diskontsatz und Rechnungsabgrenzungsposten nur als Benennungen in der anderen Sprache recherchiere, ist der Lerneffekt überschaubar. Setze ich mich hingegen mit den Bedeutungen auseinander, bleibt das Wissen wahrscheinlicher im Kopf. Und dafür wiederum bietet das Internet mit Lernvideos, Kontextsuchmaschinen usw. hervorragende Möglichkeiten. Häufig finden wir ganz automatisch auch Kontext zu einem Suchbegriff, ob wir wollen oder nicht. Sei es, weil wir bei der Suche nach einer Maschine auf der Seite des Herstellers landen (also wissen wir, aus welchem Land die Maschine kommt, wir erfahren schnell, wozu sie gut ist und wie sie aussieht) oder eine juristische Formulierung direkt im textlichen Umfeld sehen english college. Diese Art der Informationssuche trägt unserer Art zu Behalten und zu Verstehen sehr viel mehr Rechnung als das Nachschlagen in einem alphabetisch angeordneten Wörterbuch, in dem “Abfluss” und “Abflug” direkt hintereinander stehen und unter “Hahn” sogar ein männliches Federtier unter der Waschbeckenarmatur erscheint.

Resümee

Offensichtlich ist beim sinnvollen Umgang mit dem Computer gar nicht vorrangig, was man am Computer so alles kann, sondern was man ohne Computer alles kann. Über Recherchiertes reden, das eigene Gedächtnis herausfordern und immer nach dem Gemeinten und dem Kontext fragen – wenn wir das beherzigen, haben wir gute Chancen, den Computer zu einem wertvollem Trainingsgerät und einem exzellenten Assistenten zu machen. Das Denken, Verstehen und Lernen kann er uns nicht abnehmen, aber wenn wir uns geschickt anstellen, kann er uns gut dabei helfen.