Macht mehr Monotasking?

Ich kann es ja eigentlich nicht mehr hören: „Wir fummeln viel zu oft an unseren Handys herum! Wir sind immer abgelenkt. Wir müssen mal wieder ein Buch umarmen! Und in ein Geschäft gehen!“ Hallo? WIR sind erwachsen und lieben Computer und Handys auch, weil sie einen Ausknopf haben. Den haben nämlich weder Aktenberge noch vollgestopfte Schaufenster oder Fußgängerzonen. Also.

Eine Frage in dieser Wir-sind-viel-zu-abgelenkt-Diskussion finde ich allerdings doch interessant: Können wir chronischen Multitasker denn überhaupt Monotasking? Nicht wir im Sinne von digital-verdorbene Mitglieder der Gesellschaft, nein, wir als Simultandolmetscher. Wir verstehen, speichern und formulieren Inhalte ja fortwährend gleichzeitig, in zwei Sprachen, und es wurden sogar schon Kollegen gesichtet, die währenddessen (!) noch Vokabeln recherchieren, Flüge buchen oder Sudoku spielen. Selbst, wenn wir gerade nicht aktiv dolmetschen, hören wir … sorry, höre ich oft mit einem Ohr dem Redner zu und schaue mit dem anderen Ohr Dinge nach, die mich interessieren, lese Zeitung oder schreibe Mails. Erst am Nachmittag reiße ich mir dann auch schon mal die Kopfhörer ab und schließe die Augen oder starre  vor mich hin.

Bei dieser Frage nach dem Monotasking bin ich vor einiger Zeit auf einen sehr interessanten Artikel gestoßen, der die umgekehrte Frage stellt: Kann der Mensch überhaupt Multitasking? Laut dort zitierter Studie sind tatsächlich weniger als drei Prozent aller Menschen  wirklich multitasking-fähig. Alle anderen hüpfen nur mehr oder minder geschickt zwischen den verschiedenen Aufgaben hin und her und büßen dabei an Leistungsfähigkeit (hier simuliertes Autofahren und Merkaufgaben mit zwischengeschalteten Rechenaufgaben) deutlich ein (Strayer and Watson 2010). Nun sind sicher weniger als 2,5 % der Weltbevölkerung Simultandolmetscher, deshalb können wir uns einfach einbilden, wir fallen alle in diese 2,5%-Gruppe. Wer es aber genau wissen möchte, für den gibt es tatsächlich einen web-basierten Test, bei dem Ihr herausfinden könnt, ob Ihr ein „supertasker“ seid oder nicht.

Nun sind wir Menschen aber nicht nur mehrheitlich nicht fürs Multitasking gemacht, nein, es beeinträchtigt uns offensichtlich auch in unserer Monotasking-Leistungsfähigkeit. In einer Studie von Ophir, Nass und Wagner 2009 zum Thema „macht Multitasking blöd“ wurden „heavy media multitaskers“ und „light media multitaskers“ verglichen und es war festzustellen, dass HMM leichter abzulenken waren, wenn sie sich auf eine Aufgabe konzentrieren sollten, gleichzeitig waren sie beim Wechseln zwischen verschiedenen Aufgaben schlechter als die LMM.

Drastischer noch drückt es Sandra Bond Chapman in ihrem Artikel Why Single-Tasking Makes You Smarter aus: „Multitasking is a brain drain that exhausts the mind, zaps cognitive resources and, if left unchecked, condemns us to early mental decline and decreased sharpness. Chronic multitaskers also have increased levels of cortisol, the stress hormone, which can damage the memory region of the brain.“

Warum tun wir uns das Multitasking denn dann überhaupt an, wenn es Stress verursacht und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt? Ganz einfach: Neben den Stresshormonen sind auch noch die Glückshormone im Spiel. Beim Multitasking wird Dopamin ausgeschüttet, wir werden quasi für die ständige Erledigung kleiner Aufgaben belohnt. Was ein Grund dafür sein könnte, dass man sich den Stress des Multitaskings überhaupt freiwillig antut bzw. das Monotasking eventuell verlernt. Oder während des Dolmetschens Sudoku spielt.

Stellt sich die Frage, ob diese Erkenntnisse – die vorwiegend aus dem Blickwinkel des Medienkonsums zu sehen sind – sich auf das Simultandolmetschen übertragen lassen … Sucht vielleicht jemand noch ein Thema für eine Masterarbeit?

Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widmet sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.