Neues vom Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshop in Bonn #aiicDfD2019

Die Sommerpause 2019 geht dem Ende entgegen, Zeit also für den traditionell von der AIIC Deutschland organisierten Workshop Dolmetscher für Dolmetscher. 71 Dolmetscherinnen und Dolmetscher haben am heutigen 31. August bei mindestens 31 Grad Außentemperatur in Bonn den ganzen Tag über Themen rund um das „Konferenzdolmetschen 4.0“ diskutiert.

Eine vollständige Zusammenfassung des Tages gibt es hier natürlich nicht, aber ein paar Informationshäppchen, die im weitesten Sinne mit dem Thema Wissensmanagement zusammenhängen und hoffentlich Appetit auf mehr machen – denn ich werde versuchen, die eine oder andere Vortragende für einen Gastartikel bei Dolmetscher-wissen-alles.de zu gewinnen.

Lisa Pfisterer – Wahl des Berufswohnsitzes

Lisa Pfisterer, Absolventin der TH Köln, hat uns von ihrer Masterarbeit über die Kriterien bei der Wahl des Berufswohnsitzes berichtet. Sie hat dazu eine Befragung unter 62 Konferenzdolmetschern durchgeführt.

In dieser Umfrage wurden als wichtige Kriterien für die Wahl des Berufswohnsitzes die Nähe zu Kunden, Nähe zu Kollegen sowie die Verkehrsanbindung (ICE, Flughafen) genannt. Faktisch fällt die Entscheidung für einen bestimmten Wohnsitz jedoch letztendlich vor allem aus persönlichen Gründen. Die Auftragslage hängt laut Umfrage eher von Vernetzung mit Kollegen und Kunden ab als von den Reisekosten.

Interessant: 14 der 62 Befragten haben einen anderen faktischen als offiziellen Berufswohnsitz. Zum Netzwerken reisen Konferenzdolmetscher im Schnitt ca. 50 km, ihre Dolmetscheinsätze absolvieren sie durchschnittlich in einem Radius von 100 km.

Francesca Maria Frittella und Bianca Prandi – Dolmetschen von Zahlen und CAI-Tools

Ein sehr wissensrelevantes Thema hatten Francesca Maria Frittella und Bianca Prandi im Gepäck. Sie forschen in Germersheim zum Thema Dolmetschen von Zahlen und Nutzung von CAI-Tools.

Zum Thema „Problemtrigger Zahl“ beim Dolmetschen hatte Francesca ein paar interessante Angaben zu den Fehlerquoten für uns: Diese liegen bei fortgeschrittenen Studierenden bei 45-50 %, bei erfahrenen Dolmetschern in einer Bandbreite von 18 bis 40 %. Häufig entstehen durch falsch gedolmetschte Zahlen Plausibilitätsprobleme, weshalb eine gezielte Vorbereitung mit „numerischen Informationen“ so wichtig ist. „Zahlen haben eine Bedeutung“ – ein schöner Satz, der doch eigentlich Motivation genug sein sollte, eine Fortbildung zum Thema mit Francesca und Bianca zu besuchen.

In der Zukunft kann dann vielleicht der helfende Kollege, der Zahlen mitnotiert, ersetzt werden durch ein Tool, das per automatischer Spracherkennung Zahlen aus dem Ausgangstext am Bildschirm transkribiert. So erklärt es uns Bianca Prandi, die in ihrer Promotion den Einfluss von visuellem Input auf  den Dolmetschprozess untersucht. Bianca stellte die Frage in den Raum, wer von den Anwesenden überhaupt mit CAI-Tools (Computer-Aided Interpreting) arbeite, und nur sehr wenige der 71 Teilnehmer hoben auf diese Frage die Hand. In der Diskussion dazu klang an, dass die meisten Programme nicht genau die Bedürfnisse der Konferenzdolmetscher abbilden, der Einarbeitungsaufwand den Nutzen häufig „auffresse“ oder das Vorbereitungsergebnis schlechter sei als ohne Tool. Hoffentlich ein Ansporn für alle CAI-Tool-Entwickler!

Sabine Seubert – Eyetracking-Studie zu visuellem Input

Passend dazu hat Sabine Seubert uns das Thema der Verarbeitung  von visuellen Informationen beim Simultandolmetschen nähergebracht. In ihrer Eyetracking-Studie hat sie mit 13 Konferenzdolmetscherinnen ein realistisches Konferenzsetting nachgestellt und dabei deren Blickführung aufgezeichnet und ausgewertet. In ihrem Buch Visuelle Informationen beim Simultandolmetschen: eine Eyetracking-Studie lässt sich neben spannenden Erkenntnissen aus der Aufmerksamkeitsforschung die Studie in ihrer ganzen Pracht nachlesen. Hier nur ein paar Ergebnisse der Studie, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind:

Bei ausgeschaltetem Mikrofon schweift der Blick der Dolmetscher durch den Raum, das Blickfeld ist weit. Sobald das Mikrofon an ist, verengt sich der Blick vor allem auf Redner und die Leinwände. Der „starre Blick“, eine starke und verlängerte Fokussierung, ist vor allem bei starker kognitiver Beanspruchung („schwierige Stellen“) und auch bei perzeptorischer Belastung/distraktorischen Ereignissen zu beobachten. Auch Augenschließen und der Blick auf informationneutrale Bereiche in der Raummitte waren dann zu beobachten, wobei Distraktoren (also ablenkende Elemente wie Menschen, die sich durch den Raum bewegen) dann nicht fixiert wurden.

In dem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Frage, wie stark die Selektion von visuellem Input auf mehreren (zudem geteilten) Bildschirmen, der zudem nach Relevanz und Funktion differenziert werden muss, etwa beim Remote Simultaneous Interpreting, belastend wirkt.

Interessant auch der Begriff der perceptual blindness: Unerfahrene Dolmetscher nehmen offensichtlich Distraktoren weniger wahr, weil sie dafür im Gegensatz zu routinierten Dolmetschern keine freien Verarbeitungskapazitäten haben.

Und zu guter Letzt findet Ihr hier die Folien zum Beitrag über das Remote-Simultandolmetschen, den ich mit Magdalena Lindner-Juhnke leisten durfte:

Alles in allem war dieser 10. Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshop in Bonn ein inspirierendes Forum voller vielseitiger Beiträge und Diskussionen zusammen mit denkfreudigen AIIC-, VKD- und verbandsfreien Kollegen. Gerade die richtige Mischung aus Forschungsthemen und strategischen berufsständischen Fragen, die einem jede Menge Stoff zum Weiterdenken mit nach Hause gibt.

Und: