Nicht für Geld – kleines Einmaleins für Dolmetscher

Zur Einstimmung auf den bevorstehenden Dolmetscher-für-Dolmetscher-Workshop, wo es unter anderem um betriebswirtschaftliche Themen gehen wird, möchte ich heute ein paar Gedanken zu einem meiner Lieblingsthemen, dem lieben Geld, mit Euch teilen. Denn den schönsten Beruf der Welt macht man zwar nicht nur des Geldes wegen, aber ohne wäre irgendwie auch schlecht. Und wenn Dolmetscher auch alles wissen – was das Leben (und das Arbeiten) kostet, wird mitunter vergessen. Als kleine Denkhilfe also im Folgenden ein paar finanzielle Faustregeln (inspiriert durch die jahrelange Arbeit mit den „Rentabilitätern“ von AIIC Deutschland):

Regel 1: Die Untergrenze – Kosten kennen.

Wieviel Geld brauchen wir im Jahr? Grob gesprochen und ganz ungefähr

– 10.000 EUR für Altersvorsorge
– 10.000 EUR für Versicherung
– 20.000 EUR für Betriebsausgaben (Auto, Büro, IT, Fortbildungen, Verbandsbeiträge, Steuerberater, Werbung)
– 5000 EUR als Rücklage für schlechte Zeiten („Arbeitslosenversicherung“)
– 5000 EUR zum Vermögensaufbau
– 30.000 EUR „zum Leben“ einschl. Urlaub (die privaten Konsumausgaben in Deutschland lagen 2016 bei 19.000 EUR für 1 Person, 34.000 EUR für 2, 40.000 EUR für 3, 45.000 EUR für 4, 51.000 EUR für 5)
– 20.000 EUR Steuern

In Summe: 100.000 EUR Umsatz

Regel 2: Nicht die Zeit vergessen.

Bei einer 40-Stunden-Woche mit fünf Wochen Urlaub (oder Auslastungsschwankungen) und zwei Wochen Krankheit arbeitet man 1800 Stunden pro Jahr, davon etwa 600 Stunden, die nicht direkt zu einem Auftrag gehören (Verwaltung, Werbung, Netzwerken, Fortbildung). Es bleiben also rund
1200 Stunden zum Geldverdienen (sprich Dolmetschen plus Vorbereitung, Reisezeit, Warten und Bereitstehen), das macht 83,33 EUR pro produktiv gearbeiteter Stunde.

Abweichungen in beide Richtungen gibt es natürlich je nach Lebenssituation (Single vs. vierköpfige Familie) und Kostenstruktur, aber möchte man ein einigermaßen allgemeingültiges Honorar zugrunde legen, sind 85 EUR/produktiv gearbeiteter Stunde gewiss ein Wert, mit dem man bei einer überschlägigen Projektkalkulation einigermaßen verlässlich operieren kann. Ein Dolmetscheinsatz zu 850 EUR ist also rentabel, solange er einschließlich Beratung und Planung, Vorbereitung, Abwicklung und Reisezeit nicht mehr als zehn Stunden „kostet“.

Regel 3: Mehrwert kennen.

Andersherum betrachtet lässt sich das Honorar natürlich auch über den Mehrwert beziffern:
– Dieselbe Schulung kann für mehr Personen angeboten werden.
– Eine Konferenz ist für einen um ein Vielfaches größeren Teilnehmerkreis interessant.
– Kooperationen laufen glatter.
– Partner verhandeln auf Augenhöhe.
– Verzögerungen in Projektstarts werden vermieden.
– Ausländische Kunden fühlen sich besser aufgehoben,
– Mitarbeiter weltweit einem Mutterkonzern stärker verbunden.
– Neue Konzerngesellschaften werden reibungsloser eingebunden.

Kurz gesagt: Mit den drei Faktoren Kosten – Zeit – Mehrwert im Hinterkopf kann bei der Dolmetschprojektkalkulation eigentlich nichts mehr schief gehen!

Zum Nachlesen empfehle ich den Artikel der Rentabilitäts-AG von AIIC Deutschland und natürlich nach wie vor Julia Böhms legendärer Artikel Wer wird Millionär, der auch 13 Jahre nach seiner Veröffentlichung im MDÜ nicht an Relevanz eingebüßt hat.

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Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widmet sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.

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