Not-To-Do Lists and Not-To-Learn Words

not to learn - nicht lernen

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To-Do-Listen sind eine feine Sache: Einmal aufgeschrieben, kann man lästige Aufgaben zumindest zeitweilig des Gedächtnisses verweisen, und überhaupt ist man viel organisierter und effizienter. Ich zumindest gieße seit Ewigkeiten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, in eine Excel-Tabelle – seien es nun Geld, Arbeit, Adressbuch oder die Weihnachtsgeschenke der gesamten Familie.

Die ultimative Glückseligmachung des Selbstmanagements aber sind nicht die Listen, die uns sagen, was zu tun ist, sondern die Not-To-Do-Listen. Sie entschlacken unseren Alltag und schaffen erst die Freiräume für die wichtigen Dinge des Lebens. Die wichtigen Dinge des Lebens und Not-To-Do-Listen sollen aber mein Thema gar nicht sein, denn damit haben sich andere schon viel qualifizierter auseinandergesetzt, so etwa Pat Brans im Blog des Forbes-Magazin oder Timothy Ferriss, Autor des Buchs „Die 4-Stunden-Woche“.

Mich als Dolmetscherin erinnert dieser Ansatz nur unweigerlich an ein Prinzip, auf dem ich in Seminaren für Konferenzdolmetscher seit Jahren gerne herumreite, nämlich der Kosten-Nutzen-Abwägung bzw. Selektion beim Vokabellernen – zeitgeist-adäquat nun auch „not-to-learn words“ genannt. Das Prinzip bleibt das Gleiche: Regelmäßig ziehen wir bis an die Zähne vorbereitet in den Dolmetscheinsatz, im Gepäck Glossare (hoffentlich eher Datenbanken) mit lässig an die 100 bis 400 Termini. Aber alle auswendig lernen, womöglich so stark automatisiert, dass sie uns auch unter kognitiver Belastung mühelos einfallen? Manchmal eher nicht wirklich. Zumal nicht selten nur die Hälfte der vorbereiteten Terminologie überhaupt zum Einsatz kommt. Folglich ist es eine gute Idee, einen Teil der Terminologie von vorneherein bewusst auf die Nicht-Lernen-Liste zu setzen, statt die Entscheidung dem Zufall zu überlassen, an welche Termini wir uns nun im entscheidenen Augenblick erinnern. Um Kandidaten für diese Liste zu erkennen, kann man sich an drei Kriterien orientieren (oder in Huffington-Post-Deutsch: „Drei Wege, wie Sie Ihre persönlichen Not-To-Learn Words erkennen und damit Ihr ganzes Leben revolutionieren“):

– Man kann sie sich beim besten Willen nicht merken. Wenn es aber sein muss und die „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ nunmal ein zentraler Begriff ist, besser aufschreiben und immer gut sichtbar platzieren. Gut abgelesen ist allemal besser als schlecht gelernt.

– Kein Mensch weiß, wie wahrscheinlich es ist, dass dieser Begriff in der heutigen Konferenz und im restlichen Leben überhaupt je eine Rolle spielen wird. Besser abrufbar schriftlich/digital mitführen. Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob der Kontext für das „Schleierkraut“ im Blumenstrauß für die Vorsitzende zu suchen ist („lovely flowers!“) oder in einem Botanikerkongress („babies‘ breath, Gypsophila paniculata“).

– Lässt sich zur Not improvisieren. Ein Negativbeispiel hierfür wären militärische Ränge. Wenn aus Oberstleutnant Meyer „el Señor Meyer“ wird, macht das nicht unbedingt einen schlanken Fuß. Unersetzbares also besser lernen.

Und das Lustigste daran: Bestimmt sind es genau die Begriffe, die auf der Not-To-Learn-Liste stehen, die man unweigerlich doch im Kopf hat. Denn am Ende gilt eben immer: Dolmetscher wissen alles.

 

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To-do lists are just lovely: Once you have put all nasty tasks down there, you can forget about them for a while and, what’s more, be just perfectly organised and highly efficient. I have been putting anything into spreadsheets for ages, be it money, jobs, my address book or the whole family’s Christmas gifts.

If, however, you want to go the extra mile on your way to happiness and self-management, you will most probably not want lists to tell you what you have to do, but rather what not to do – the famous “not-to-do lists”. They help to prune your daily life and leave room for what really matters. Now I am not the right person to tell you what really matters in life or how to handle not-to-do lists, as other more qualified people have done so before, such as Pat Brans on the Forbes magazine’s blog or Timothy Ferriss, author of the book „The 4-Hour Workweek“.

But still … these not-to-do lists remind me of something I have been dwelling upon for years in conference interpreting seminars: the principle of cost-benefit ratios and selection when it comes to learning vocab for a job – now probably to be called „not-to-learn words“. The principle remains the same: We often go to work prepared to the teeth, easily carrying with us some 100 to 400 terms in our glossaries (or, hopefully, rather data bases). But have we learnt them all by heart, ideally to a degree that makes us spit them out automatically in the right moment, even under cognitive load? Well, rather not, sometimes. And quite understandably so, as it occurs that half of the terminology prepared is not applied after all. Accordingly, it is a good idea to discard some of the terminology-to-be-learnt in advance and put it on your not-to-learn word list instead of relying on being lucky enough to retain the decisive terms. There are some criteria to identify the right candidates for your not-to-learn words (or, to put it in Huffington Post style: Three life-changing ways of creating your personal not-to-learn word list):

– You just cannot bring yourself to memorising this word (or expression). Now, if they really insist on talking about „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ all day, make sure to write it down and place it somewhere visible at all times. Better well read than badly remembered.

– You have no idea about how likely this term is to ever pop up in your conference or your life at all. Better have it with you on paper or computer. Of course, it makes a difference whether the “babies‘ breath“ or Gypsophila paniculata turns up in the context of a botanical congress („Schleierkraut“) or in the bunch of flowers the president receives for her birthday (“tolle Blumen!”).
– If necessary, you might get away with an impromptu solution. A negative example of this is military ranks, which just can’t be invented. And if Lieutenant Meyer becomes „el Señor Meyer“, this will not exactly make you shine as an interpreter. You better learn the irreplaceable.

And the funny thing is that, at the end, you are bound to remember exactly the terms you put on the not-to-learn list. After all, interpreters just know it all.

Do interpreters suffer from decision fatigue? – Entscheidungsmüdigkeit beim Dolmetschen?

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Entscheidungen sind anstrengend. Chicken or Pasta, Sekt oder Selters, Windows oder Mac, vom Blatt dolmetschen oder frei – den ganzen Tag müssen wir uns entscheiden, und je mehr Entscheidungen sich aneinander reihen, desto entscheidungsmüder werden wir, desto weniger gründlich wägen wir die Möglichkeiten also ab oder bleiben im Zweifel beim Status Quo. Dabei sind Entscheidungen mit vielen Optionen vergleichsweise anstrengender als solche mit wenigen Optionen.

Als ich zum ersten Mal von Untersuchungen gehört habe, die besagen, dass Richter sich im Verlauf ihres Arbeitstages immer schwerer tun, qualifizierte Entscheidungen zu treffen (NY-Times: Do you suffer from decision fatigue?), war ich auf Anhieb fasziniert von diesem Phänomen der Entscheidungsmüdigkeit, einem Begriff, den man ansonsten häufiger im Zusammenhang mit Verbraucherverhalten diskutiert findet. Aber vielleicht geht es Euch ja auch manchmal so: Wenn man am Morgen noch hochmotiviert ist, sogar Fragen zu ergründen wie ob man lieber „Paradox“ oder „Paradoxon“ sagt oder ob es trotz begrifflicher Unterschiede legitim ist, „Geisteswissenschaftler“ mit „humanista“ zu dolmetschen, also ohne Not eine ganze Reihe von qualifzierten Entscheidungen trifft, wird das alles gegen Nachmittag immer egaler. Man lässt dann auch mal Abkürzung Abkürzung sein und kann sich einfach nicht mehr aufraffen, Termini zu recherchieren, für die man eine einigermaßen brauchbare Entsprechung hat. Und wenn man etwas nachschlägt, denkt man auch gar nicht mehr unbedingt darüber nach, welches die beste Quelle ist und ob der Kollege das gesuchte Wort nicht vielleicht viel schneller ausspucken könnte.

Entscheidungen treffen wir jedenfalls nicht zu knapp (und hier reden wir ja nur um diejenigen rund um unsere Informations- und Wissensarbeit!). Los geht es ja schon los in der Vorbereitung: Lesen oder überfliegen? Vokabel rausschreiben oder überlesen, recherchieren oder improvisieren? Und weiter in der Kabine: Blicke ich auf den Redner, den Bildschirm im Saal, meine Papiere, meinen eigenen Bildschirm oder den Bildschirm, der das Saalgeschehen überträgt? Frage ich den Kollegen oder nicht? Schlage ich eine unbekannte Entsprechung nach oder belasse ich es bei der improvisierten Lösung? Und wenn ich nachschlage: Papier oder Computer? Sitzungsunterlagen, Wörterbuch, eigene Terminologiebestände, die von Kollegen, online-Nachschlagewerke – und dann: welches zuerst? Linguee, Iate, Leo, Bildersuche & Co. – jede Quelle hat ja so ihre Vorzüge.

Fragt sich nur: Was lernen wir nun aus der Erkenntnis? Abgesehen vom Wahren eines ordentlichen Blutzuckerspiegels (ganz wichtig!) fällt mir da spontan ein: Die Zahl der notwendigen Entscheidungen minimieren oder durch Automatismen ersetzen, will heißen, die Wissensarbeit von vorneherein möglichst entscheidungsarm strukturieren, um die Entscheidungslast gering zu halten. Konkret kann das bedeuten:

– Möglichst nur ein Medium wählen, um Medienbrüche zu vermeiden. Ich empfehle ein Laptop (Subnotebook, Ultrabook …), weil es am meisten kann. Andere schwören auf Papier oder ein Tablet. Seit ich mir angewöhnt habe, papierlos zu arbeiten und möglichst alles am Computer zu machen, und nicht ständig mit dem Blick zwischen Papier und Bildschirm hin- und herwechseln muss (permanente Entscheidungen), bin ich deutlich entspannter und effizienter.

– Zahl der digitalen Nachschlagequellen minimieren. Glossare jeglicher Art lassen sich zusammen mit der Tagesordnung einfach in einer Excel-Tabelle zusammenwerfen und so mit einer einzigen Suchanfrage durchwühlen, Sitzungsdokumente systematisch mit einer Desktopsuchmaschine durchstöbern, wenn alles in einen Ordner liegt. Abgearbeitete Dokumente gleich löschen (sind ja zur Not noch im Papierkorb)! Die einschlägigen Internetquellen lassen sich mit der Qtrans-Searchbar und anderen Tools sehr einfach quasi-gleichzeitig durchsuchen.

– Entscheidungen outsourcen: Die Kollegen zu fragen ist ja ein bisschen aus der Mode gekommen, seit man alles mit kurzem Tastengeklimper nachsehen kann. Jedoch: Räuspertaste drücken und fragen ist oft die effizienteste Art, eine Informationslücke zu schließen, denn es geht eindeutig am schnellsten und ist am zuverlässigsten, denn wenn der Mensch etwas nicht weiß, bekommt man meist ein recht eindeutiges „keine Ahnung“ und keine Ansammlung irrelevanter Fuzzy Matches zur Antwort (mehr Optionen = mehr Entscheidungsanstrengung!). Und dann kann der Kollege immer noch die Such- und Entscheidungsarbeit übernehmen.

– In der Vorbereitung: Feste Plätze für bestimmte Informationsarten reservieren. Termini immer in die gleiche Datenbank (mit entsprechenden Kategorien) packen, Ordnerstruktur für einen Auftrag immer nach dem gleichen Muster gestalten, fremden Glossare, die man noch mal brauchen könnte („das vollständige menschliche Skelett in fünf Sprachen“), immer alle auf den gleichen Haufen (sprich in den gleichen Ordner).

– Auch bei der Vorbereitung, beim Extrahieren von Termini aus Redemanuskripten oder anderen Texten: Wenn man merkt, dass man entscheidungsmüde wird und bei jedem zweiten Wort überlegt, ob man dazu nicht doch noch einmal tiefer recherchieren muss oder es in den Terminologiebestand aufnehmen soll, eine Entscheidungspause einlegen und zunächst mit einer weniger entscheidungsintensiven Arbeit (Recherche, Lernen) fortfahren. Ich lege immer bewusst das Lesen von Texten und Extrahieren von Terminologie auf den Vormittag, die Terminologierecherche auf den Nachmittag, weil ich letzteres auch in kleinen Häppchen erledigen kann, ohne aus dem Fluss zu kommen.

Bestimmt erlebt jeder die Entscheidungslast in der Informationsarbeit beim Dolmetschen anders. Deshalb hoffe ich, dass meine Tipps den einen oder anderen inspirieren, freue mich aber auch über Eure Einschätzungen!

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Do interpreters suffer from decision fatigue?

Decisions are tiresome. Chicken or pasta, tap water or champagne, Windows or Mac, go for sight translation from the manuscript or just listen to the speaker – our daily life is a whole series of decision-making. The more decisions follow one other, the more probably decision fatigue will kick in, i. e. the less thoroughly we ponder the pros and cons of our options and the more likely we are to just leave things the way they are. And the more options there are to choose from, the more tiresome it becomes to decide.

When I first heard about those studies (see NY Times: Do you suffer from decision fatigue?) showing that judges tend to struggle more to make qualified decision in the morning than in the afternoon, I was intrigued by this concept of decision fatigue, which by the way tends to be discussed primarily in the context of consumer behaviour. You may have experienced it yourself: In the morning you are absolutely happy to discuss questions like whether you are supposed to say ‘American Indian’ or better go for ‘Native American’, or if the German ‘Geisteswissenschaftler’ is well translated with ‘humanist’ despite some conceptual discrepancies. You make a whole series of qualified decisions just like that, while in the afternoon you cannot be bothered to do so any more. Just leave the acronym as it is and live with the solution your mind has just come up with without further investigating, and if ever you look something up, you tend not to check your options like what would be the most suitable source of information (it might turn out to be your booth mate).

All in all, our information work requires plenty of decisions each day (let alone the interpreting process as such). It all starts when preparing for a meeting: Should I read this text or just skim it? Note down this unknown word or just ignore it, double-check or improvise? And on it goes in the booth: Do I look at the speaker, the screen in the meeting room, my screen, my papers or that screen in the booth that shows what’s happening in the meeting room? Do I ask my colleague for this tip-of the-tongue word or not? Check unknown terms or just live with the impromptu solution? And if ever I check: On paper or in my computer? In meeting documents, dictionaries, my own term database, colleagues’ glossaries, online sites – and where do I look first? Linguee, Iate, Leo and the like – each of those has its points.

Now the question is, what can we conference interpreters learn from it? Apart from keeping your glucose level high at all times (very important!), I suggest minimizing the number of decisions to be made or replacing them with automatisms, i.e. structure your knowledge work accordingly in the first place in order to avoid unnecessary decision load. This means, for example:

Go for one medium only so to avoid media breaks. I recommend laptop computers as the most versatile instrument. Others prefer paper or a tablet. Since I have gone paperless and I do not have to switch between looking at the screen and looking at a (pile of) paper (=constant decision-making), I am far more relaxed and efficent.

Reduce the number of digital sources of information. Glossaries of any type, agenda etc. can be copied into one spreadsheet and can then be searched in one go. Meeting documents of any format stored in one folder are easily searched through with a desktop search engine. It is a good idea to delete finished documents immediately (you can retrieve them from the recycle bin at any time). The most relevant online search sites can easily be consulted with multi-glossary search tools like the Qtrans Search bar.

Outsourcing decisions: Asking colleagues has become a bit old-fashioned since the answer to any odd question seems just a couple of key strikes away. However, pressing the mute button and asking may still be the most efficient and reliable way of closing an information gap. After all, your colleague is safe to say ‘no idea’ in no time if he or she does not know the answer, without endless lists of fuzzy matches (more options = higher decision load). And then your he or she can take over and do the searching and deciding on the right term for you.

Whilst preparing, reserve a fixed place for particular types of information. Put your terminology all into the same database (categorized accordingly), always follow the same pattern when structuring your job folders, put other people’s glossaries and other valuable documents (‘the complete human skeleton in five languages’) that might turn out useful in the future into one folder.

When extracting terms from manuscripts or other texts, you might feel depleted after a while (spending hours deliberating whether to take a closer look at a particular term or just leave it alone). Take a decision break and switch to a less decision-intensive task (memorizing, researching). I always try to do the reading and term extracting before lunch and the term research bit in the afternoon.

I am sure that all conference interpreters have different perceptions of their information work, as well as different habits and preferences. I hope that you find some inspiration in my ideas – and please feel free to share your thoughts on it.

Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012

Weil es gerade zu der Diskussion rund um Lesetechniken passt: Für alle Nicht-VKD-Kurier-Leser hier noch einmal mein minimal geänderter Artikel aus dem VKD-Kurier 4/2012 (Danke an die Redaktion für die Genehmigung). Alle anderen einfach wegklicken.

Dolmetscher digitaldement?

Wer sich auch nur annähernd für das menschliche Gehirn interessiert, dem ist der Autor Manfred Spitzer ein Begriff. Mich hat sein Buch „Geist im Netz“ schon 1999 inspiriert, und nun hat er in diesem Jahr 2012 mit einem neuen Werk aufgewartet, das den verheißungsvollen Titel „Digitale Demenz“ trägt. Keine Frage, dass ich es sofort lesen musste. Dabei hat mich weniger sein Feldzug gegen die Verblödung von Kindern interessiert, sondern vielmehr die Frage, ob seine Erkenntnisse womöglich Licht auf die Frage der geistigen Verlotterung unserer Zunft durch die Arbeit mit dem Computer werfen. Dabei stehe ich persönlich dem Einsatz von Computern bekanntlich positiv gegenüber; ich mache mir nichts aus dem sinnlichen Erlebnis gestorbener Bäume an meinen Fingerkuppen, auch der Geruch von Druckerschwärze lässt mich kalt. Es ist mir ein Anliegen, die Vorteile ebenso wie die Gefahren der Digitalisierung zu kennen. Ebenso hält es meiner Einschätzung nach Manfred Spitzer, dem in den Medien, wie ich meine, zu unrecht Computer- oder Fortschrittsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Für alle, die dieses Thema auch umtreibt, habe ich also im Folgenden meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Lektüre von „Digitale Demenz“ zusammengetragen.

Medien an sich

Bei der ganzen Computerdiskussion und somit auch in „Digitale Demenz“ fällt mir auf, dass viele Phänomene, die gemeinhin mit dem Computer in Verbindung gebracht werden, auch im Zusammenhang mit Papiermedien auftreten. Wenn heutzutage allenthalben gejammert wird, dass alle in der Dolmetschpause nur noch ihre Nase in Facebook oder Online-Zeitungen stecken, statt sich zu unterhalten, sollte man nicht vergessen, dass man unlängst Nasen zwar nicht in Facebook, aber stattdessen in Zeitungen, Liebesromane, Sudoku oder Urlaubsprospekte zu stecken pflegte. Gleiches gilt für Menschen in U-Bahnen und an Frühstückstischen. Und Tastaturgeklapper mag zwar stören, Zeitungsrascheln tut dies aber ebenso (wohingegen ein E-Book wunderbar lautlos ist).

Auch das bei Spitzer beschriebene Phänomen, dass Kinder heute ihre Lebenswirklichkeit so sehr aus dem Computer oder dem Fernsehen beziehen, ist zunächst ein allgemeines Problem der Medienbasiertheit. Gleiches gilt nämlich für Kinder, die tagträumend in ihrer Winnetou-Welt aus den Büchern leben. Medien ersetzen in keinem Fall das reale Lernen und „begreifen“. Und dieses Phänomen kennen auch wir allzu gut: Man vergleiche nur das Aha-Erlebnis, das man beim Dolmetschen einer Betriebsführung haben kann, weil man die in endlosen Powerpointfolien bedolmetschten Vorteile von Melkrobotern plötzlich am lebenden Objekt in Aktion sieht.

Damit sei mitnichten in Abrede gestellt, dass digitale Medien durch die Dichte der auf einen Menschen einprasselnden Reize ein deutlich höheres Sucht- und Zerstreuungspotential bergen als Bücher. Nur können umgekehrt Computer je nach Nutzungsform auch die positiven Eigenschaften von Büchern aufweisen.

Gut, dass wir darüber geredet haben

Spitzer erläutert eingehend, dass für das Verarbeiten von Informationen nichts so gut ist wie direkter sozialer Kontakt; durch Diskussion mit unseren Mitmenschen erreichen wir eine tiefe und emotionale Verarbeitungsart, die Ihresgleichen sucht. Und diese (an sich nicht ganz neue) Erkenntnis sollte uns Dolmetscher jubilieren lassen über unser instinktiv richtiges Verhalten. Wie oft entspinnt sich in der Dolmetschkabine eine lebhafte Diskussion über akute Fragen oder frisch gewonnene Erkenntnisse („Wie funktioniert das nochmal mit den Emissionsrechten?“ – „Ach, da war doch letztens noch was in den Nachrichten …“). Dem Problem, dass punktuell gestopfte Wissenslücken nicht im Gedächtnis haften bleiben, begegnen wir Dolmetscher völlig von selbst mit der richtigen Strategie, indem wir es unbedingt bequatschen – ganz ohne dass man es uns empfohlen hätte. Diese Gewohnheit sollten wir unbedingt pflegen und bewahren.

Begünstigend kommt hinzu, dass wir dank der neuen Medien in der Lage sind, Wissenslücken direkt in der Situation zu recherchieren, was das Verständnis und die Gedächtnisverknüpfung natürlich stark begünstigt. Abgesehen davon, dass viele Dinge überhaupt nachgeschlagen werden, die ansonsten auf dem Weg zurück ins Büro längst in Vergessenheit geraten wären.

Schreiben hilft beim Lernen?

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass sie Worte einmal mit Hand und Stift aufschreiben müssen, damit sie den Weg in ihr Gedächtnis finden. Spitzer verweist in seinem Werk auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass das Lernen von Buchstaben vermutlich besser mit dem Stift in der Hand gelingt, da die Spur des Stiftes im Gehirn abgebildet wird. Dies gilt jedoch für Buchstaben und nicht unbedingt für Wörter oder Sätze oder sogar Inhalte. Abgesehen davon, dass es in unserem Fall ohnehin wichtiger ist, Desoxyribonukleinsäure aussprechen und nicht buchstabieren zu können. (Vorteil des Computers: Er verfügt auch über Sprachausgabe.)

Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass das handschriftliche Notieren an sich ein Problem darstellt; wenn man sich mit einem Stift zwischen den Fingern einfach wohler fühlt als mit einer Tastatur, führt das schließlich auch zu emotionalem Wohlbefinden, was wiederum das Lernen erleichtert. Nur diejenigen, die befürchten, durch Überspringen der Phase des handschriftlichen Notierens gehe ihnen ein wichtiger Lerneffekt verloren, und sich deshalb nicht so recht trauen, auf ein rein papierfreies Arbeiten umzusteigen, können diese Sorge vielleicht hinter sich lassen und stattdessen frohen Mutes versuchen, sich an den mannigfaltigen Bequemlichkeiten (Wiederauffindbarkeit durch Volltextsuche, Sortierbarkeit, Rechtschreibkontrolle, Kategorisierbarkeit, Übertragbarkeit) des computergestützten Arbeitens zu erfreuen.

Nachdenken hilft beim Merken – Aufschreiben hilft nicht beim Merken

Wir lernen bei Spitzer: Man merkt sich eine Information weniger, wenn man weiß, dass sie gespeichert ist. Man merkt sich dann eher den Ort, wo etwas aufgeschrieben oder abgespeichert wurde. Auch wenn eine Sache noch nicht erledigt ist, verbleibt sie eher im Gedächtnis als etwas Erledigtes, das man gedanklich abgehakt hat. Was um Himmels Willen fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Nichts mehr aufschreiben? Wohl eher nicht. Im Zusammenhang mit der Immerverfügbarkeit von Informationen im Internet ist die Gefahr wohl deutlich: Man merkt sich nichts mehr, weil man weiß, dass man es jederzeit nachschlagen kann. Da wir während des Dolmetschens aber nicht fortwährend Dinge nachschlagen können, müssen wir wohl oder übel nach wie vor zusehen, dass wir die Dinge im Kopf haben.

Und hier greift eine zweite Erkenntnis aus Spitzers Buch: Aktives Überlegen ist besser fürs Memorieren als bloßes Lesen. Was für uns Dolmetscher bedeutet: Wenn wir zwar schwerlich aufhören können, uns Dinge zu notieren, so können wir doch auf der anderen Seite unsere Merkfähigkeit am Leben erhalten, in dem wir darauf achten, dass wir uns die Liste der wichtigen Termini zum Thema Obstbranddestillation nicht nur durchlesen, sondern uns wirklich selbst abfragen, also aktiv überlegen und den Terminus aussprechen, bevor wir uns selbst denn Blick auf die Lösung freigeben. (Auf die Möglichkeiten der Computerunterstützung aus dem Bereich des Vokabellernens sei hier nur in Klammern verwiesen.)

Erwachsene verknüpfen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches „Digitale Demenz“ widmet sich der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Manfred Spitzer erklärt sehr einleuchtend, wie unterschiedlich erwachsene und kindliche Gehirne grundsätzlich lernen. Während bei Kindern innere Strukturen erst gebildet werden (müssen), lernen Erwachsene, indem sie neue Informationen mit dem vorhandenen Gefüge verknüpfen. Je mehr Aspekte einer Sache beleuchtet werden, desto vielseitiger die Verknüpfungen. Wichtig beim Lernen von Sachverhalten ist das Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels. Man erkannt das Ganze durch die Einzelheiten und umgekehrt. Erst so werden tiefe Wissensstrukturen gebildet. Wenn jemand, der dieses vielschichte Erfassen von Informationen nicht gelernt hat, nun im Internet etwas nachschaut, so erfolgt dies oft nur horizontal und nicht vertikal; er bleibt an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Er läuft auch Gefahr, sich durch die Vielzahl von Abwegen und Verknüpfungen ablenken zu lassen und zu verzetteln.

All dies wird also in Spitzers Buch stark betont und scheint auch mir von ganz zentraler Bedeutung für das Lernen und Denken einer ganzen Gesellschaft. Auf unsere Zunft hin interpretiert darf man dem jedoch durchaus auch entnehmen, dass mit entsprechendem Vorwissen ergänzende Informationen aus einer Suchmaschine sehr wohl gezielt gefunden, integriert und bewertet werden können. Wenn ich mich beispielsweise auf eine Wirtschaftskonferenz vorbereite und die Entsprechungen für Bruttoinlandsprodukt, Deckungsbeitrag, Diskontsatz und Rechnungsabgrenzungsposten nur als Benennungen in der anderen Sprache recherchiere, ist der Lerneffekt überschaubar. Setze ich mich hingegen mit den Bedeutungen auseinander, bleibt das Wissen wahrscheinlicher im Kopf. Und dafür wiederum bietet das Internet mit Lernvideos, Kontextsuchmaschinen usw. hervorragende Möglichkeiten. Häufig finden wir ganz automatisch auch Kontext zu einem Suchbegriff, ob wir wollen oder nicht. Sei es, weil wir bei der Suche nach einer Maschine auf der Seite des Herstellers landen (also wissen wir, aus welchem Land die Maschine kommt, wir erfahren schnell, wozu sie gut ist und wie sie aussieht) oder eine juristische Formulierung direkt im textlichen Umfeld sehen english college. Diese Art der Informationssuche trägt unserer Art zu Behalten und zu Verstehen sehr viel mehr Rechnung als das Nachschlagen in einem alphabetisch angeordneten Wörterbuch, in dem „Abfluss“ und „Abflug“ direkt hintereinander stehen und unter „Hahn“ sogar ein männliches Federtier unter der Waschbeckenarmatur erscheint.

Resümee

Offensichtlich ist beim sinnvollen Umgang mit dem Computer gar nicht vorrangig, was man am Computer so alles kann, sondern was man ohne Computer alles kann. Über Recherchiertes reden, das eigene Gedächtnis herausfordern und immer nach dem Gemeinten und dem Kontext fragen – wenn wir das beherzigen, haben wir gute Chancen, den Computer zu einem wertvollem Trainingsgerät und einem exzellenten Assistenten zu machen. Das Denken, Verstehen und Lernen kann er uns nicht abnehmen, aber wenn wir uns geschickt anstellen, kann er uns gut dabei helfen.