In the booth or in the hen house – experts all around | Dolmetschkabine oder Hühnerstall – Expertentum, wohin man schaut | Entre expertos: ya sea en el gallinero o en la cabina de interpretación

Huhn

+++ for English see below +++ para español, aun más abajo +++

Wie inspirierend der Bau eines Hühnerhäuschens sein kann, erschließt sich eventuell nicht auf den ersten Blick. Wer im Laufe der letzten Monate die Kabine mit mir teilen und meine Hühnerfotos bewundern musste, fragt sich aber vielleicht schon seit Längerem, wann die Hennen denn nun Eingang in diesen Blog finden. Nun denn:

In den vergangenen Herbstferien haben mein Vater, mein Sohn, meine Tochter und ich uns anderthalb Tage mit dem Bau eines Hühnerhauses vertrieben. Mein Vater kommt aus der Saunabau-Branche und verfügt über einen exzessiv gut ausgestatteten Werkraum und es war ein außerordentliches Vergnügen, gemeinsam zu werkeln. Im Nachgang betrachtet fällt mir dabei auf, dass es mir durchaus schön häufiger Freude bereitet hat, Experten bei ihrem Tun auf die Finger zu schauen – ein angenehmer Nebeneffekt der extremen (zunehmenden) Fachlichkeit der meisten Dolmetscheinsätze. Dabei ist mir einerlei, ob ich einem Programmierer, einem Hufschmied, einem Schlachthausinspekteur, einem Patentanwalt oder einem Statistiker zuschauen oder zumindest zuhören darf. Bestimmte Verhaltensmuster scheinen vielen Experten gemein, die ich sowohl bei dem hühnerstallbauenden Saunafachmann als auch bei Konferenzdolmetschern wiederzufinden meine:

  • Wir machen keine halben Sachen. Nicht am Material sparen – kein billiges Sperrholz, sondern ordentliche OSB-Platten. Nicht schnell, schnell, sondern durchdacht. Wir sind immer gut vorbereitet. (Wir mögen weder schlechten Ton noch schlecht sitzende Kopfhörer und noch viel weniger schlechte Informationsversorgung im Vorfeld einer Veranstaltung.)
  • Wir kaufen nicht das hübsche 300-EUR-Hühnerhaus bei Amazon von der Stange, sondern wir wägen ab, was in diesem Garten und an diesem Haus individuell am besten funktioniert (in diesem Fall eine Kernbohrung in die Garage und das Hühnerhaus von innen dagegengesetzt). (Wir dolmetschen das, was der Redner gerade in diesem Moment meint, und nicht mit dem Wörterbuch. Wir finden für jede noch so abwegige Situation einen passenden Dolmetschmodus.)
  • Wir besitzen so viel Vorstellungsvermögen, dass wir – zunächst auf dem Papier – von null an das perfekte Häuschen konzipieren, das dann aus einem Haufen vom Baumarkt zugeschnittener Holzplatten zusammengebaut wird. (Wir wissen genau, ob simultan oder konsekutiv besser funktioniert und wie wir ein Team für genau diesen Kunden richtig zusammenstellen. Ebenso wie wir die Rede mit dem Redner mitdenken und dem anderssprachigen Zuhörer eine Version davon präsentieren, die für ihn funktioniert.)
  • Wenn wir auch noch nie im Leben einen Hühnerstall gebaut haben, so arbeiten wir uns ein und übertragen unser Wissen und unsere Fertigkeiten auf diesen neuen Anwendungsfall. (Wie an fast jedem normalen Arbeitstag eines Konferenzdolmetschers).
  • Wir haben einen Blick dafür, was geht; auch, weil wir das richtige Werkzeug sowohl kennen als auch besitzen (oder jemanden kennen, der es uns leihen kann). (Flüstern für eine zwölfköpfige Delegation sicher nicht. Wir verstehen es, große Dokumentenmengen zu bändigen, und wissen, wer gute Simultantechnik liefert.)
  • Wir können Prioritäten setzen: Welche schiefe Schraube muss noch einmal herausgedreht werden, weil sonst alles instabil wird, was kann man getrost schief stecken lassen? (Welchen Dolmetschfehler muss ich korrigieren, damit kein dramatisches Missverständnis entsteht, was kann ich stehen lassen?)
  • Spontan auftretende Schwierigkeiten halten uns nicht auf. Ein Fehler im Zuschnitt wird entweder durch Umplanung beantwortet oder die tragbare Kreissäge, die für den Fall der Fälle schon bereitsteht (wir sind immer gut vorbereitet), kommt zum Einsatz. Zu lange, auf der anderen Seite herausstehende Schrauben bedeuten nicht zwingend, dass man noch einmal zum Baumarkt fährt, sondern dass man sie kurzerhand abflext. (Fällt die Simultantechnik aus, gehen wir in den Raum und dolmetschen konsekutiv oder flüstern. Liegt das Vorbereitungsmaterial über die technischen Finessen eines Fertigungsarbeitsplatzes in Zeiten von Industrie 4.0 nicht vor, schöpfen wir aus unserem Vorwissen und machen mit Hilfe des Kabinenpartners, der uns mit Spontanrecherche und Mitschrift unterstützt, trotzdem etwas daraus.)

Theoretisch hätte ich bei dieser Baumaßnahme jeden einzelnen Handgriff auch selbst tätigen können, aber letztendlich ist doch auch ein Hühnerhaus mehr als die Summe seiner Teile. Wahrscheinlich hätte ich am falschen Ende angefangen, die falschen Bohrer verwendet und mir auch nicht die Mühe gemacht, die Sitzstange abzuhobeln, damit die Hühner keine Splitter in die weichen Fußballen bekommen.

Die richtigen Fragen stellen und der Blick fürs Ganze, das können auch Experten von Experten lernen. Also seid Experten und erfreut Euch an ebensolchen, wo Ihr nur könnt!

PS: Sehr interessant: In diesem schönen Artikel über Expertentum aus Experten-(Psychologen-)Sicht von Tad Waddington findet sich Einiges aus der Dolmetscher-Hühnerhaus-Analogie wieder.

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Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widmet sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.

+++ English version +++

I had no idea how inspiring it could be to build your own chicken coop. But those who have shared a booth with me lately and were obliged to admire my chicken photos may have been wondering for some time when those lovely hens will finally make their way into this blog. Now, then:

During the last autumn break my father, my son, my daughter and myself spent a day and a half designing and building a splendid new hen house. My father has a track record in the sauna-building industry and, besides, owns an excessively well-equipped little basement workshop, which made it an utmost pleasure to work together. Only later did I realise that I had experienced this fascination before when watching experts at work, i.e. people who really seem to know what they are doing. This phenomenon called expert, or expertise, is something we come across very often as interpreters (and increasingly so as interpreters tend to be recruited more often when very specific subjects are being discussed). And to me it is all the same whether I can watch or listen to a coder, farrier, slaughterhouse inspector, patent lawyer or statistician. It seems to me that most experts act alike, in a certain way, no matter if they build wooden boxes or, say, act as conference interpreters:

  • We don’t do things by halves. No cheap stuff – better go for the robust OSB panels and not the inexpensive chipboard. No hurry, think everything through properly. We always come well prepared, after all. (We don’t like bad sound, neither are we very fond of badly fitting headphones and even less of bad information supply before a conference.)
  • We do not buy the ready-made fancy little 300 € coop on Amazon. We rather ponder the pros and cons of what might best be suited for this particular house and garden and find and individual solution (in this case, drilling a big hole into the outer wall of the garage and putting the coop up against this wall from the inside). (We translate the message the speaker wants to convey in this particular situation and do not mechanically put together words like a dictionary on legs. We find a suitable mode of interpretation for any weird situation.)
  • We use our imagination in order to create the perfect solution – on paper first – which we then put together from a pile of custom cut-to-size wood panels from the DIY store. (We know exactly when sim or consec work better and we will find exactly the right people for a team to suit the needs of this special customer. Just like we think the speech alongside with the speaker and then present another version of it to the audience in the other language which will work for them).
  • We may well never have built a hen house in our lives, but we are smart enough to familiarise ourselves with the subject and transfer our knowledge and our skills to this new task. (The usual stuff on any day in the life of a conference interpreter).
  • We can tell what’s possible and what’s not; also because we know and possess the right tools (or know who to borrow them from). (Whispered interpretation for a delegation of twelve? Surely not. We know how to handle huge amounts of documents and where to rent the best conference equipment.)
  • We know our priorities: Which one of the badly placed screws can just stay where it is and when is it a good idea to take it out again and screw it in properly in order to prevent the whole thing from falling apart? (Which error do I need to correct when interpreting because there will be a terrible misunderstanding otherwise, which one will most probably pass unnoticed?)
  • Unexpected difficulties won’t stop us. One of the panels cut to the wrong dimensions means we just rearrange our construction or use the portable circular saw we have already brought, just in case (We always come well prepared, after all). If the screws turn out to be too long and stick out on the other side of the wall, we don’t necessarily go back to the DIY store to get some shorter ones. We may as well cut them off using this very handy little angle grinder we happen to possess. (If the booth sound system fails, we will get out of our booths and do consecutive or whispered interpretation if ever possible. Have we not received any information about the technical details of a modern shop floor setting in times of industry 4.0 then we will still be able to make something of it on the basis of our experience and the help of our colleague who will be doing emergency internet research and/or emergency scribbling.)

Theoretically, I would have been able to carry out every single task on my own. But I have learnt that a chicken coop is more than the sum of its parts. I would most probably have started at the wrong end, used the wrong drills and wouldn’t have bothered smooth-planing the perch so that the chickens don’t get splinters in the soft little balls they have under their feet.

Asking the right questions and seeing the big picture, that’s what experts can learn from experts. So: Be an expert, watch out for those around you and enjoy!

PD: Very interesting: Many an aspect of this henhouse-interpreter analogy can also be found in this very nice article about expertise from the expert‘s/psychologist‘s view by Tad Waddington.

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About the author:
Anja Rütten is a freelance conference interpreter for German (A), Spanish (B), English (C) and French (C) based in Düsseldorf, Germany. She has specialised in knowledge management since the mid-1990s.

+++ Versión española +++

No tenía ni idea de lo inspiradora que puede ser la construcción de un gallinero. A los que han estado en cabina conmigo últimamente ya les tocó admirar las fotos de mis gallinas como si fueran mis bebés, ya se habrán preguntado cuánto tardarían en aparecer en mi blog. Pues ahora sí:

En las últimas vacaciones de otoño mi papá, mi hijo, mi hija y yo nos pasamos día y medio construyendo un gallinero. Mi padre se ha ganado la vida en la construcción de saunas, y además dispone de un taller exageradamente bien equipado, y realmente disfrutamos un montón de estar ahí todos juntos haciendo bricolaje. En retrospectiva, me quedó aun más claro por qué: Es que me encanta observar a un experto (o experta, claro) en su trabajo, y lo hago bastante seguido – un efecto secundario muy grato de lo (cada vez más) técnico que resultan muchos trabajos de interpretación. Y me da igual si se trata de un herrador, programador, inspector de matadero, abogado de patentes o estadísticos, mientras me dejen observar o escucharlos. Y mi impresión es que los expertos tienen, o mejor dicho tenemos, ciertas pautas de comportamiento en común, ya sea que se trate de ingenieros de gallineros o de intérpretes de conferencias:

  • No nos conformamos con las cosas hechas a medias. Tampoco usamos material barato – nada de tableros aglomerados de baja calidad, mejor los tableros OSB de virutas orientadas. Y no lo hacemos todo rápido, sino con calma y bien pensado. Siempre llegamos bien preparados. (A nosotros no nos gusta ni el mal sonido, ni los auriculares mal ajustados, ni mucho menos la falta de información para preparar una conferencia.)
  • Tampoco compramos el gallinero prefabricado en Amazon por 300 EUR, sino que sopesamos las ventajas y los inconvenientes de las diferentes opciones para encontrar la solución perfecta para esta casa y este jardín en particular. En este caso, consistía en perforar la pared del garaje y montar el gallinero contra la pared desde el lado interior. (Interpretamos lo que el orador quiere decir en esta situación y no nos limitamos a ser diccionarios vivientes. En situaciones absurdas encontramos la manera de hacer posible la interpretación.)
  • Tenemos la imaginación suficiente como para diseñar – primero sobre el papel – el gallinero perfecto, para luego armarlo del montón de tablas cortadas a la medida, que nos facilitaron en el negocio de materiales para la construcción. (Sabemos decir exactamente en qué situación va a funcionar la interpretación simultánea o consecutiva y qué equipo de colegas conviene enviar a qué cliente. Acompañamos al orador en sus pensamientos y creamos para el auditorio del otro idioma un discurso adecuado que funcione para ellos en ese )
  • Aunque nunca jamás en la vida hayamos construido un gallinero, nos familiarizamos con el tema y aplicamos nuestros conocimientos y nuestras aptitudes a ese nuevo caso (Lo normal en la vida de un intérprete de conferencias).
  • Tenemos buen juicio para saber lo que es posible y lo que no; porque conocemos también las herramientas adecuadas y disponemos de ellas (o por lo menos sabemos a quién pedirlas prestadas). (Susurrar para una delegación de doce personas – seguro que no; sabemos manejar grandes cantidades de documentos y en dónde conseguir el mejor equipamiento técnico.)
  • Sabemos fijar prioridades. Un tornillo mal colocado: ¿Mejor lo vuelvo a quitar y lo pongo bien?, porque si no, todo se puede venir abajo; o bien ¿puedo dejarlo tal cual y nadie se va a enterar? (¿Cuáles son los errores de interpretación que hay que corregir para evitar malentendios dramáticos? ¿Y cuáles son los que van a pasar desapercibidos?)
  • Las dificultades imprevistas no nos pueden detener. Una tabla mal cortada – pues nos reorganizamos un poquito, o usamos la sierra circular que, por si acaso, ya habíamos traído (porque siempre llegamos bien preparados). Si los tornillos son demasiado largos y salen por el otro lado de la pared, eso no significa que debamos volver a la tienda para comprar otros; más bien los cortamos con la amoladora angular. (Si falla el sistema de sonido, salimos de las cabinas e interpretamos de modo consecutivo o susurramos, según permitan las circunstancias. Si no disponemos de la documentación sobre, digamos, los puestos de trabajo ultra conectados en las factorías de la industria 4.0, igual nos organizamos, aprovechando nuestros conocimientos previos y el apoyo del colega que nos apunta cosas y busca términos en internet.)

En teoría, habría sido capaz de hacer cada una de las maniobras yo solita, pero al final, inclusive un gallinero es más que la suma de sus partes. Probablemente habría empezado por el extremo equivocado, habría usado el taladro equivocado y tampoco se me habría ocurrido alisar la percha para que las gallinas no se astillaran las delicadas plantas de sus patitas.

Hacer las preguntas acertadas y siempre contemplar el sistema en su conjunto – eso es algo que los expertos podemos aprender de otros expertos. Entonces: ¡Seamos expertos y disfrutemos de aquellos con los que nos podamos topar!

PD: Muy interesante: En este artículo maravilloso sobre la pericia – desde el punto de vista de un experto/psicólogo – de Tad Waddington se pueden encontrar algunos aspectos de la analogía gallinero-interpretación https://www.psychologytoday.com/blog/smarts/200901/defined-expertise-its-not-how-smart-you-are-how-much-you-know-matters von Tad Waddington.

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La autora:
Anja Rütten es intérprete de conferencias autónoma para alemán (A), español (B), inglés y francés (C), domiciliada en Düsseldorf/Alemania. Se dedica al tema de la gestión de los conocimientos desde mediados de los años 1990.

Digital dementia and conference interpreters – article published in Multilingual July/August 2015

DigitalDementiaMultilingual Preview

To read this article on effects of digitalisation on conference interpreters‘ memory and learning habits, please follow the link to multilingual.com (English only).

 

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About the author
Anja Rütten is a freelance conference interpreter for German (A), Spanish (B), English (C) and French (C) based in Düsseldorf, Germany. She has specialised in knowledge management since the mid-1990s.

 

 

Handschriftlich notieren oder tippen – was sagt die Forschung? | Handwriting vs. typing – what does research tell us?

+++ for English see below +++

laptop Egal, in welchem Kreis von Dolmetschern man darüber redet, geschätzte 10 % schwören immer Stein und Bein, dass sie sich die Dinge besser merken können, wenn sie sie mit Stift und Papier festhalten. Sie pfeifen auch auf die Vorteile des papierlosen Büros, darauf, ihre Unterlagen durchsuchen und Glossare sortieren zu können, mit Kollegen Unterlagen auszutauschen oder einfach nur kein Papier zu verschwenden und immer alles digital verfügbar zu haben. Die Argumentation lautet für gewöhnlich in etwa so: „Die Wörter wandern dann durch den Stift den Arm hinauf und direknotizent in mein Gehirn.“ In meinen Ohren eine etwas grobe Herleitung … Umgekehrt begegne ich allerdings auch der eher zufällig gemachten Erkenntnis mit Misstrauen, dass ich beim Konsekutivdolmetschen mit der Tastatur um ein Vielfaches detaillierter notiere als mit Stift und Block … Aber deshalb die hohe Kunst der Notizentechnik über Bord werfen? Meine Notizentechnik war zu Beginn meiner Karriere mein ganzer Stolz, ausgefeilt und systematisch. Mittlerweile ähnelt sie zwar eher einem Stück Papier, das man versehentlich im Hühnerstall vergessen hat – dies könnte mir aber egaler nicht sein, denn meine Merkfähigkeit im Konsekutivdolmetschen entwickelt sich glücklicherweise umgekehrt proportional zur Lesbarkeit und Schönheit meiner Notizen. Eigentlich einleuchtend: Die Notizentechnik ist darauf angelegt, Sinnstrukturen abzubilden, und abbilden bedeutet zunächst einmal erkennen. Je mehr man das Erkennen von Sinnstrukturen trainiert, desto überflüssiger macht sich die Notizentechnik entsprechend selbst. Also bin ich nach wie vor ein großer Fan von handschriftlichen Notizen beim Konsekutivdolmetschen, weil es einfach das Mitdenken und Verstehen fördert und die lebendige und glaubhafte Verdolmetschung einer Rede und keine Wort-für-Wort-Übersetzung vom Notizblatt ermöglicht. So weit, so gut. Aber muss ich deshalb wirklich auch alles andere handschriftlich festhalten, damit mein Geist sich bequemt, die Information in Wissen umzuwandeln?

Zu meiner großen Begeisterung hat sich kürzlich ein Forscherteam in den USA (Pam A. Mueller von der Princeton University und Daniel M. Oppenheimer von der University of California, Los Angeles) genau diese Frage gestellt: Hat das Notier-Instrument (Stift vs. Tastatur) einen Einfluss auf das Lernen? Dabei kamen ein paar interessante Erkenntnisse zutage:

Studenten, die bei einer Vorlesung mit Papier und Stift Notizen gemacht hatten, erzielten nachher beim Beantworten konzeptioneller Fragen zu Sinnzusammenhängen besser Ergebnisse als die Testpersonen, die mit dem Laptop notiert hatten. Ein Vorteil des Tippens liegt grundsätzlich zwar darin, dass man mengenmäßig mehr Informationen festhalten kann, was grundsätzlich dem Lernen zuträglich ist. Ein großer Nachteil – der diesen Vorteil zunichte machen kann – besteht jedoch darin, dass man beim Tippen eher dazu neigt, wortwörtlich mitzuschreiben, statt Sachverhalte zu synthetisieren (selbst wenn im Versuch darum gebeten wird, dies nicht zu tun). Dies wiederum beeinträchtigt die Verarbeitungstiefe und das inhaltliche Lernen. Was für konzeptionelles Wissen gilt, gilt jedoch nicht zwingend für andere Wissensarten: Beim Abfragen von Faktenwissen war es in den Versuchen interessanterweise so, dass die „Stiftnotierer“ den „Tastaturnotierern“ nur dann überlegen waren, wenn zwischen dem Notieren und dem Beantworten der Fragen eine Woche Zeit vergangen war; beim Abfragen unmittelbar nach dem Notieren waren hier die Leistungen gleich.

Als Konferenzdolmetscherin geht mir bei dieser Studie das Herz auf. Nicht ohne einen flüchtigen Gedanken an unser aller Lieblings-Kundenausspruch („Sie sollen das nicht verstehen, Sie sollen das nur dolmetschen.“) kommt mir sofort die wunderbare Kunst der Notizentechnik in den Sinn. Wenn schon das handschriftliche und damit zusammenfassende Notieren von Inhalten dem wortwörtlichen Mittippen überlegen ist, wie spitzemmäßig muss das Aufnehmen von Inhalten dann erst mit der Dolmetsch-Notizentechnik funktionieren, die ja genau das Abbilden von Sinnzusammenhängen zum Gegenstand hat? Wäre es nicht interessant, diese Versuche mit Dolmetschern zu wiederholen? Müsste nicht eigentlich die ganze Welt unsere Notizentechnik lernen?

Andererseits bin ich als papierlose Dolmetscherin auch beruhigt, dass das reine Faktenwissen ebensogut tastaturbasiert verarbeitet werden kann. Sprich: Wenn ich mir – oder Kollegen – beim Dolmetschen (sei es simultan oder konsekutiv) ohnehin nur ein paar Zahlen,  Namen oder Termini notiere, weil ich den Rest aus dem Kopf mache, kann ich das auch gleich am PC machen. Wenn es aber um „richtiges“ Konsekutivdolmetschen geht, sind Stift und Block (oder Touchscreen) plus gute Notizentechnik die Methode der Wahl. Aber auch in der Vorbereitungsphase – wenn es um Zusammenhänge geht, um Abläufe oder Unternehmensstrukturen – ist es durchaus eine gute Idee, sich dies mit Stift und Papier buchstäblich vor Augen zu führen – am besten auch dann unter Verwendung der Notizentechnik, frei nach Matyssek or Rozan.

PS: Und wer noch darüber nachdenkt, wie man diese Spontanvisualisierungen dann am geschicktesten in den Computer bekommt: Vielleicht taugt ja das neue Mikrowellen-Notizbuch etwas?

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Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widment sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.

+++ English version +++

Whenever you get tlaptopo talk about note-taking with a bunch of conference interpreters, at least one in ten will most probably be telling you that they just remember things better if they write them down using pen and paper. They don’t care about paperless offices, searching their documents and sorting glossaries alphabetically, sharing information with colleagues or simply avoiding excessive use of paper and having access to their documents any place, any time. The explanation goes roughly like this: “The words just travel through the pen up my arm, entering directly into my brain.” notizenSlightly too simple a reasoning to convince me … On the other hand, I am nonetheless suspicious about a phenomenon I found out about rather by coincidence: interpreting consecutively, I can take many more notes, and more detailed ones, using my laptop computer than with pen and paper. Fair enough … but reason enough to scrap my good old-fashioned note-taking technique, which I was so proud of back when I graduated? Once very nuanced and systematic, nowadays my notes rather resemble a piece of paper someone forgot in the hen house. But I couldn’t care less, as my powers of memory seem to increase in inverse proportion to the beauty and legibility of my notes. Quite logical, actually: Interpreters’ note-taking technique is made to visualise semantic structures, and visualising means understanding in the first place. So the more you practice note-taking, the less you will end up needing them, which is why I am still quite fond of pen and paper notes after all. What we want to deliver is the lively and credible interpretation of a speech and not a sight translation of our notes. Now that’s for interpreting. But do I really have to write down every piece of information with pen and paper for my mind to take it in as knowledge?

To my utmost delight, a team of researchers in the USA (Pam A. Mueller from Princeton University and Daniel M. Oppenheimer from University of California, Los Angeles) have asked themselves exactly the same question: Does the instrument of note-taking (pen vs. keyboard) influence learning? The results are quite interesting:

Students who had taken notes of a lecture using pen and paper performed better in answering conceptual questions than those tested who had taken notes using a laptop computer. Even though typing has the advantage that more information can be captured, which in itself is beneficial to learning, the downside – potentially outweighing this advantage – is that when fast-typing, people tend to transcribe verbatim instead of synthesing the content (and the test participants did so even when being told to avoid verbatim transcription). This in turn leads to shallower processing and impairs conceptual learning. But, interestingly, what goes for conceptual learning, does not necessarily apply to other types of knowledge: For factual knowledge, the advantage pen-users showed over keyboard-users did only occur when a week had elapsed between the lecture and the test. In immediate testing, there was no difference in performance of pen vs. keyboard users.

As a conference interpreter, I am quite thrilled by this study. It is not without remembering the famous client’s comment (“You are supposed to translate, not to understand.”) that our wonderful note-taking technique springs to mind. If hand-written, i. e. summarising, content-based notes are superior to verbatim typing, then just how much more efficient must interpreters’ notes be, which are designed to do exactly this, encoding conceptual relations? Wouldn’t it be interesting to repeat the same study with interpreters? And, by the way, shouldn’t the whole world learn how to take notes like interpreters do?

Then again, as a paperless interpreter I am in a way reassured to know that mere factual knowledge is eligible for keyboard-based processing after all. So I can still use my laptop computer while interpreting (simultaneously or consecutively) in order to note down some numbers, names or terms – be it for myself or for my colleague – while I rely on my brain for the rest of the job. But for “real” consecutive interpreting, pen and paper (or touchscreen) plus strong note-taking skills are the method of choice. And also in the preparation phase, when it comes to understanding the structure of a company or a particular workflow, there is no such thing as visualising them manually – ideally doing it the Matyssek or Rozan way.

PS: And if you are wondering how to bring the results of your spontaneous visualisations to your hard disc … What about the new microwaveable notebook?

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About the author:
Anja Rütten is a freelance conference interpreter for German (A), Spanish (B), English (C) and French (C) based in Düsseldorf, Germany. She has specialised in knowledge management since the mid-1990s.

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Reference:
Pam A. Mueller1 and Daniel M. Oppenheimer2 (1Princeton University and 2University of California, Los Angeles): The Pen Is Mightier Than the Keyboard: Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking. In: Psychological Science 2014, Vol. 25(6) 1159–1168; http://pss.sagepub.com/content/early/2014/04/22/0956797614524581

Mein Gehirn beim Simultandolmetschen| My brain interpreting simultaneously

Gehirn einer Simultandolmetscherin
conference interpreter’s brain

+++ for English, see below +++

Für gewöhnlich fragen wir uns ja eher, was gerade um Himmels Willen im Kopf des Redners vorgeht, den wir gerade dolmetschen. Unsere Kollegin Eliza Kalderon jedoch stellt in ihrer Doktorarbeit die umgekehrte Frage: Was geht eigentlich in den Dolmetscherköpfen beim Simultandolmetschen vor? Zu diesem Zweck steckt sie Probanden in die fMRT-Röhre (funktionale Magnetresonanztomographie), um zu sehen, was im Gehirn beim Dolmetschen, Zuhören und Shadowing passiert. Und so habe auch ich mich im November 2014 aufgemacht an die Uniklinik des Saarlandes in Homburg. Nachdem uns dort Herr Dr. Christoph Krick zunächst alles ausführlich erklärt und ein paar Zaubertricks mit dem Magnetfeld beigebracht hat (schwebende Metallplatten und dergleichen), ging es in die Röhre.

fMRT

Dort war es ganz bequem, der Kopf musste still liegen, aber die Beine hatten zu meiner großen Erleichterung viel Platz. Dann habe ich zwei Videos im Wechsel gedolmetscht, geshadowt und gehört, ein spanisches ins Deutsche und ein deutsches ins Spanische. Neben dem Hämmern der Maschine, das natürlich ein bisschen störte, bestand für mich die größte Herausforderung eigentlich darin, beim Dolmetschen die Hände stillzuhalten. Mir wurde zum ersten Mal richtig klar, wie wichtig das Gestikulieren beim Formulieren des Zieltextes ist. Nach gut anderthalb Stunden (mit Unterbrechungen) war ich dann einigermaßen k.o., bekam aber zur Belohnung nicht nur sofort Schokolade, sondern auch direkten Blick auf mein Schädelinneres am Computer von Herrn Dr. Krick.

Natürlich lassen sich bei einer solchen Untersuchung viele interessante Dinge beobachten. Beispielhaft möchte ich zum Thema Sprachrichtungen Herrn Dr. Krick gerne wörtlich zitieren, da er mir das Gehirngeschehen einfach zu schön erläutert hat: „Da Sie muttersprachlich deutsch aufgewachsen sind, ergeben sich – trotz Ihrer hohen Sprachkompetenz – leichte Unterschiede dieser ähnlichen Aufgaben bezüglich sensorischer und motorischer Leistungen im Gehirn. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass der Unterschied durchaus auch an der jeweiligen rhetorischen Kompetenz von Herrn Gauck und Herrn Rajoy gelegen haben mag … Wenn Sie den Herrn Gauck ins Spanische übersetzt hatten, fiel es Ihnen vergleichsweise leichter, die Sprache zu verstehen, wohingegen Ihr Kleinhirn im Hinterhaupt vergleichsweise mehr leisten musste, um die Feinmotorik der spanischen Sprechweise umzusetzen.“

simultaneous interpreting German Spanish
Simultandolmetschen Deutsch (A) – Spanisch (B)

„Wenn Sie aber den Herrn Rajoy ins Deutsche übersetzt hatten, verbrauchte Ihr Kleinhirn vergleichsweise weniger Energie, um Ihre Aussprache zu steuern. Allerdings musste Ihre sekundäre Hörrinde im Schläfenlappen mehr sensorische Leistung aufbringen, um den Ausführungen zu folgen. Dies sind allerdings nur ganz subtile Unterschiede, die in der geringen Magnitude den Hinweis ergeben, dass Sie nahezu gleich gut in beide Richtungen dolmetschen können.“

simultaneous interpreting Spanish German
Simultandolmetschen Spanisch (B) – Deutsch (A)

Dies ist nur einer von vielen interessanten Aspekten. So war beispielsweise auch mein Hippocampus relativ groß – ähnlich wie bei Labyrinth-Ratten oder den berühmten Londoner Taxifahrern … Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sich aus der Gesamtauswertung der Studienreihe ergeben, dürfen wir dann hoffentlich demnächst von Eliza Kalderon selbst erfahren!

PS: Und wer auch mal sein Gehirn näher kennenlernen möchte: Eliza sucht noch weitere professionelle Konferenzdolmetscher/innen mit Berufserfahrung, A-Sprache Deutsch, B-Sprache Spanisch (kein Doppel-A!), ca. 30-55 Jahre alt und möglichst rechtshändig. Einfach melden unter kontakt@ek-translat.com

PPS: Auch ein interessanter Artikel zum Thema: http://mosaicscience.com/story/other-words-inside-lives-and-minds-real-time-translators

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Normally, we rather wonder what on earth is going on in the mind of the speaker we are interpreting. Our colleague Eliza Kalderon, however, puts it the other way around. In her phD, she looks into what exactly happens in the brains of simultaneous interpreters. To find out, she puts human test subjects into an fMRI machine (functional Magnetic Resonance Imaging) and monitors their brains while interpreting, listening and shadowing. I was one of those volunteers and made my way to the Saarland University Hospital in Homburg/Germany in November 2014. First of all, Dr. Christoph Krick gave us a detailed technical introduction including a demo of how to do magic with the helfp of the magnetic field (flying metal plates and the like). And then off I went into the tube.

fMRT

To my delight, it was quite comfortable. My head wasn’t supposed to move, ok, but luckily my legs had plenty of room. Then Eliza made me listen to, interpret and shadow two videos: one from German into Spanish and one from Spanish into German. The machine hammering away around my head was a bit of a nuisance, obviously, but apart from that the biggest challenge for me was keeping my hands still while interpreting. I hadn’t realised until now how important it is to gesture when speaking. After a good one and a half hour’s work (with little breaks), I was rather knocked out, but I was rewarded promptly: Not only was I given chocolate right after the exercise, I was even allowed a glance at my brain on Dr. Krick’s computer.

There are of course a great many interesting phenomena to observe in such a study. To describe one of them, I would like to quote literally Dr. Krick’s nice explanation: „As you have grown up speaking German as a mother tongue, despite your high level of linguistic competence, we can see slight differences between the two similar tasks in terms of sensoric and motoric performance in your brain. However, it cannot be ruled out that these differences might be also be attributable to the respective rhetorical skills of Mr. Gauck and Mr. Rajoy. When translating Mr. Gauck into Spanish, understanding involved comparably less effort while the cerebellum in the back of your head had to work comparably harder in order to articulate the Spanish language.“

simultaneous interpreting German Spanish
Simultaneous interpreting German (A) – Spanish (B)

„When, on the other hand, translating Mr. Rajoy into German, your cerebellum needed comparably less energy to control your pronunciation. Your secondary auditory cortex, located in the temporal lobe, had to make a greater sensoric effort in order to understand what was being said. Those differences are, however, very subtle, their low magnitude actually leads to the assumption that you practically work equally well in both directions.“

simultaneous interpreting Spanish German
Simultaneous interpreting Spanish (B) – German (A)

This is only one of many interesting aspects. Another one worth mentioning might be the fact that my hippocampus was slightly on the big side – just like in maze rats or London cab drivers … I am really looking forward to getting the whole picture and reading about the scientific findings Eliza draws once she has finished her study!

PS: If you, too, would like to get a glimpse inside your head: Eliza is still looking for volunteers! If you are a professional, experienced conference Interpreter with German A and Spanish B as working languages (no double A!), about 30-55 years old and preferably right-handed, feel free to get in touch: kontakt@ek-translat.com

PPS: Some further reading: http://mosaicscience.com/story/other-words-inside-lives-and-minds-real-time-translators

PPPS: A portuguese version of this article can be found on Marina Borges‘ blog: http://www.falecommarina.com.br/blog/?p=712

Not-To-Do Lists and Not-To-Learn Words

not to learn - nicht lernen

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To-Do-Listen sind eine feine Sache: Einmal aufgeschrieben, kann man lästige Aufgaben zumindest zeitweilig des Gedächtnisses verweisen, und überhaupt ist man viel organisierter und effizienter. Ich zumindest gieße seit Ewigkeiten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, in eine Excel-Tabelle – seien es nun Geld, Arbeit, Adressbuch oder die Weihnachtsgeschenke der gesamten Familie.

Die ultimative Glückseligmachung des Selbstmanagements aber sind nicht die Listen, die uns sagen, was zu tun ist, sondern die Not-To-Do-Listen. Sie entschlacken unseren Alltag und schaffen erst die Freiräume für die wichtigen Dinge des Lebens. Die wichtigen Dinge des Lebens und Not-To-Do-Listen sollen aber mein Thema gar nicht sein, denn damit haben sich andere schon viel qualifizierter auseinandergesetzt, so etwa Pat Brans im Blog des Forbes-Magazin oder Timothy Ferriss, Autor des Buchs „Die 4-Stunden-Woche“.

Mich als Dolmetscherin erinnert dieser Ansatz nur unweigerlich an ein Prinzip, auf dem ich in Seminaren für Konferenzdolmetscher seit Jahren gerne herumreite, nämlich der Kosten-Nutzen-Abwägung bzw. Selektion beim Vokabellernen – zeitgeist-adäquat nun auch „not-to-learn words“ genannt. Das Prinzip bleibt das Gleiche: Regelmäßig ziehen wir bis an die Zähne vorbereitet in den Dolmetscheinsatz, im Gepäck Glossare (hoffentlich eher Datenbanken) mit lässig an die 100 bis 400 Termini. Aber alle auswendig lernen, womöglich so stark automatisiert, dass sie uns auch unter kognitiver Belastung mühelos einfallen? Manchmal eher nicht wirklich. Zumal nicht selten nur die Hälfte der vorbereiteten Terminologie überhaupt zum Einsatz kommt. Folglich ist es eine gute Idee, einen Teil der Terminologie von vorneherein bewusst auf die Nicht-Lernen-Liste zu setzen, statt die Entscheidung dem Zufall zu überlassen, an welche Termini wir uns nun im entscheidenen Augenblick erinnern. Um Kandidaten für diese Liste zu erkennen, kann man sich an drei Kriterien orientieren (oder in Huffington-Post-Deutsch: „Drei Wege, wie Sie Ihre persönlichen Not-To-Learn Words erkennen und damit Ihr ganzes Leben revolutionieren“):

– Man kann sie sich beim besten Willen nicht merken. Wenn es aber sein muss und die „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ nunmal ein zentraler Begriff ist, besser aufschreiben und immer gut sichtbar platzieren. Gut abgelesen ist allemal besser als schlecht gelernt.

– Kein Mensch weiß, wie wahrscheinlich es ist, dass dieser Begriff in der heutigen Konferenz und im restlichen Leben überhaupt je eine Rolle spielen wird. Besser abrufbar schriftlich/digital mitführen. Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob der Kontext für das „Schleierkraut“ im Blumenstrauß für die Vorsitzende zu suchen ist („lovely flowers!“) oder in einem Botanikerkongress („babies‘ breath, Gypsophila paniculata“).

– Lässt sich zur Not improvisieren. Ein Negativbeispiel hierfür wären militärische Ränge. Wenn aus Oberstleutnant Meyer „el Señor Meyer“ wird, macht das nicht unbedingt einen schlanken Fuß. Unersetzbares also besser lernen.

Und das Lustigste daran: Bestimmt sind es genau die Begriffe, die auf der Not-To-Learn-Liste stehen, die man unweigerlich doch im Kopf hat. Denn am Ende gilt eben immer: Dolmetscher wissen alles.

 

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To-do lists are just lovely: Once you have put all nasty tasks down there, you can forget about them for a while and, what’s more, be just perfectly organised and highly efficient. I have been putting anything into spreadsheets for ages, be it money, jobs, my address book or the whole family’s Christmas gifts.

If, however, you want to go the extra mile on your way to happiness and self-management, you will most probably not want lists to tell you what you have to do, but rather what not to do – the famous “not-to-do lists”. They help to prune your daily life and leave room for what really matters. Now I am not the right person to tell you what really matters in life or how to handle not-to-do lists, as other more qualified people have done so before, such as Pat Brans on the Forbes magazine’s blog or Timothy Ferriss, author of the book „The 4-Hour Workweek“.

But still … these not-to-do lists remind me of something I have been dwelling upon for years in conference interpreting seminars: the principle of cost-benefit ratios and selection when it comes to learning vocab for a job – now probably to be called „not-to-learn words“. The principle remains the same: We often go to work prepared to the teeth, easily carrying with us some 100 to 400 terms in our glossaries (or, hopefully, rather data bases). But have we learnt them all by heart, ideally to a degree that makes us spit them out automatically in the right moment, even under cognitive load? Well, rather not, sometimes. And quite understandably so, as it occurs that half of the terminology prepared is not applied after all. Accordingly, it is a good idea to discard some of the terminology-to-be-learnt in advance and put it on your not-to-learn word list instead of relying on being lucky enough to retain the decisive terms. There are some criteria to identify the right candidates for your not-to-learn words (or, to put it in Huffington Post style: Three life-changing ways of creating your personal not-to-learn word list):

– You just cannot bring yourself to memorising this word (or expression). Now, if they really insist on talking about „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ all day, make sure to write it down and place it somewhere visible at all times. Better well read than badly remembered.

– You have no idea about how likely this term is to ever pop up in your conference or your life at all. Better have it with you on paper or computer. Of course, it makes a difference whether the “babies‘ breath“ or Gypsophila paniculata turns up in the context of a botanical congress („Schleierkraut“) or in the bunch of flowers the president receives for her birthday (“tolle Blumen!”).
– If necessary, you might get away with an impromptu solution. A negative example of this is military ranks, which just can’t be invented. And if Lieutenant Meyer becomes „el Señor Meyer“, this will not exactly make you shine as an interpreter. You better learn the irreplaceable.

And the funny thing is that, at the end, you are bound to remember exactly the terms you put on the not-to-learn list. After all, interpreters just know it all.

Do interpreters suffer from decision fatigue? – Entscheidungsmüdigkeit beim Dolmetschen?

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Entscheidungen sind anstrengend. Chicken or Pasta, Sekt oder Selters, Windows oder Mac, vom Blatt dolmetschen oder frei – den ganzen Tag müssen wir uns entscheiden, und je mehr Entscheidungen sich aneinander reihen, desto entscheidungsmüder werden wir, desto weniger gründlich wägen wir die Möglichkeiten also ab oder bleiben im Zweifel beim Status Quo. Dabei sind Entscheidungen mit vielen Optionen vergleichsweise anstrengender als solche mit wenigen Optionen.

Als ich zum ersten Mal von Untersuchungen gehört habe, die besagen, dass Richter sich im Verlauf ihres Arbeitstages immer schwerer tun, qualifizierte Entscheidungen zu treffen (NY-Times: Do you suffer from decision fatigue?), war ich auf Anhieb fasziniert von diesem Phänomen der Entscheidungsmüdigkeit, einem Begriff, den man ansonsten häufiger im Zusammenhang mit Verbraucherverhalten diskutiert findet. Aber vielleicht geht es Euch ja auch manchmal so: Wenn man am Morgen noch hochmotiviert ist, sogar Fragen zu ergründen wie ob man lieber „Paradox“ oder „Paradoxon“ sagt oder ob es trotz begrifflicher Unterschiede legitim ist, „Geisteswissenschaftler“ mit „humanista“ zu dolmetschen, also ohne Not eine ganze Reihe von qualifzierten Entscheidungen trifft, wird das alles gegen Nachmittag immer egaler. Man lässt dann auch mal Abkürzung Abkürzung sein und kann sich einfach nicht mehr aufraffen, Termini zu recherchieren, für die man eine einigermaßen brauchbare Entsprechung hat. Und wenn man etwas nachschlägt, denkt man auch gar nicht mehr unbedingt darüber nach, welches die beste Quelle ist und ob der Kollege das gesuchte Wort nicht vielleicht viel schneller ausspucken könnte.

Entscheidungen treffen wir jedenfalls nicht zu knapp (und hier reden wir ja nur um diejenigen rund um unsere Informations- und Wissensarbeit!). Los geht es ja schon los in der Vorbereitung: Lesen oder überfliegen? Vokabel rausschreiben oder überlesen, recherchieren oder improvisieren? Und weiter in der Kabine: Blicke ich auf den Redner, den Bildschirm im Saal, meine Papiere, meinen eigenen Bildschirm oder den Bildschirm, der das Saalgeschehen überträgt? Frage ich den Kollegen oder nicht? Schlage ich eine unbekannte Entsprechung nach oder belasse ich es bei der improvisierten Lösung? Und wenn ich nachschlage: Papier oder Computer? Sitzungsunterlagen, Wörterbuch, eigene Terminologiebestände, die von Kollegen, online-Nachschlagewerke – und dann: welches zuerst? Linguee, Iate, Leo, Bildersuche & Co. – jede Quelle hat ja so ihre Vorzüge.

Fragt sich nur: Was lernen wir nun aus der Erkenntnis? Abgesehen vom Wahren eines ordentlichen Blutzuckerspiegels (ganz wichtig!) fällt mir da spontan ein: Die Zahl der notwendigen Entscheidungen minimieren oder durch Automatismen ersetzen, will heißen, die Wissensarbeit von vorneherein möglichst entscheidungsarm strukturieren, um die Entscheidungslast gering zu halten. Konkret kann das bedeuten:

– Möglichst nur ein Medium wählen, um Medienbrüche zu vermeiden. Ich empfehle ein Laptop (Subnotebook, Ultrabook …), weil es am meisten kann. Andere schwören auf Papier oder ein Tablet. Seit ich mir angewöhnt habe, papierlos zu arbeiten und möglichst alles am Computer zu machen, und nicht ständig mit dem Blick zwischen Papier und Bildschirm hin- und herwechseln muss (permanente Entscheidungen), bin ich deutlich entspannter und effizienter.

– Zahl der digitalen Nachschlagequellen minimieren. Glossare jeglicher Art lassen sich zusammen mit der Tagesordnung einfach in einer Excel-Tabelle zusammenwerfen und so mit einer einzigen Suchanfrage durchwühlen, Sitzungsdokumente systematisch mit einer Desktopsuchmaschine durchstöbern, wenn alles in einen Ordner liegt. Abgearbeitete Dokumente gleich löschen (sind ja zur Not noch im Papierkorb)! Die einschlägigen Internetquellen lassen sich mit der Qtrans-Searchbar und anderen Tools sehr einfach quasi-gleichzeitig durchsuchen.

– Entscheidungen outsourcen: Die Kollegen zu fragen ist ja ein bisschen aus der Mode gekommen, seit man alles mit kurzem Tastengeklimper nachsehen kann. Jedoch: Räuspertaste drücken und fragen ist oft die effizienteste Art, eine Informationslücke zu schließen, denn es geht eindeutig am schnellsten und ist am zuverlässigsten, denn wenn der Mensch etwas nicht weiß, bekommt man meist ein recht eindeutiges „keine Ahnung“ und keine Ansammlung irrelevanter Fuzzy Matches zur Antwort (mehr Optionen = mehr Entscheidungsanstrengung!). Und dann kann der Kollege immer noch die Such- und Entscheidungsarbeit übernehmen.

– In der Vorbereitung: Feste Plätze für bestimmte Informationsarten reservieren. Termini immer in die gleiche Datenbank (mit entsprechenden Kategorien) packen, Ordnerstruktur für einen Auftrag immer nach dem gleichen Muster gestalten, fremden Glossare, die man noch mal brauchen könnte („das vollständige menschliche Skelett in fünf Sprachen“), immer alle auf den gleichen Haufen (sprich in den gleichen Ordner).

– Auch bei der Vorbereitung, beim Extrahieren von Termini aus Redemanuskripten oder anderen Texten: Wenn man merkt, dass man entscheidungsmüde wird und bei jedem zweiten Wort überlegt, ob man dazu nicht doch noch einmal tiefer recherchieren muss oder es in den Terminologiebestand aufnehmen soll, eine Entscheidungspause einlegen und zunächst mit einer weniger entscheidungsintensiven Arbeit (Recherche, Lernen) fortfahren. Ich lege immer bewusst das Lesen von Texten und Extrahieren von Terminologie auf den Vormittag, die Terminologierecherche auf den Nachmittag, weil ich letzteres auch in kleinen Häppchen erledigen kann, ohne aus dem Fluss zu kommen.

Bestimmt erlebt jeder die Entscheidungslast in der Informationsarbeit beim Dolmetschen anders. Deshalb hoffe ich, dass meine Tipps den einen oder anderen inspirieren, freue mich aber auch über Eure Einschätzungen!

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Do interpreters suffer from decision fatigue?

Decisions are tiresome. Chicken or pasta, tap water or champagne, Windows or Mac, go for sight translation from the manuscript or just listen to the speaker – our daily life is a whole series of decision-making. The more decisions follow one other, the more probably decision fatigue will kick in, i. e. the less thoroughly we ponder the pros and cons of our options and the more likely we are to just leave things the way they are. And the more options there are to choose from, the more tiresome it becomes to decide.

When I first heard about those studies (see NY Times: Do you suffer from decision fatigue?) showing that judges tend to struggle more to make qualified decision in the morning than in the afternoon, I was intrigued by this concept of decision fatigue, which by the way tends to be discussed primarily in the context of consumer behaviour. You may have experienced it yourself: In the morning you are absolutely happy to discuss questions like whether you are supposed to say ‘American Indian’ or better go for ‘Native American’, or if the German ‘Geisteswissenschaftler’ is well translated with ‘humanist’ despite some conceptual discrepancies. You make a whole series of qualified decisions just like that, while in the afternoon you cannot be bothered to do so any more. Just leave the acronym as it is and live with the solution your mind has just come up with without further investigating, and if ever you look something up, you tend not to check your options like what would be the most suitable source of information (it might turn out to be your booth mate).

All in all, our information work requires plenty of decisions each day (let alone the interpreting process as such). It all starts when preparing for a meeting: Should I read this text or just skim it? Note down this unknown word or just ignore it, double-check or improvise? And on it goes in the booth: Do I look at the speaker, the screen in the meeting room, my screen, my papers or that screen in the booth that shows what’s happening in the meeting room? Do I ask my colleague for this tip-of the-tongue word or not? Check unknown terms or just live with the impromptu solution? And if ever I check: On paper or in my computer? In meeting documents, dictionaries, my own term database, colleagues’ glossaries, online sites – and where do I look first? Linguee, Iate, Leo and the like – each of those has its points.

Now the question is, what can we conference interpreters learn from it? Apart from keeping your glucose level high at all times (very important!), I suggest minimizing the number of decisions to be made or replacing them with automatisms, i.e. structure your knowledge work accordingly in the first place in order to avoid unnecessary decision load. This means, for example:

Go for one medium only so to avoid media breaks. I recommend laptop computers as the most versatile instrument. Others prefer paper or a tablet. Since I have gone paperless and I do not have to switch between looking at the screen and looking at a (pile of) paper (=constant decision-making), I am far more relaxed and efficent.

Reduce the number of digital sources of information. Glossaries of any type, agenda etc. can be copied into one spreadsheet and can then be searched in one go. Meeting documents of any format stored in one folder are easily searched through with a desktop search engine. It is a good idea to delete finished documents immediately (you can retrieve them from the recycle bin at any time). The most relevant online search sites can easily be consulted with multi-glossary search tools like the Qtrans Search bar.

Outsourcing decisions: Asking colleagues has become a bit old-fashioned since the answer to any odd question seems just a couple of key strikes away. However, pressing the mute button and asking may still be the most efficient and reliable way of closing an information gap. After all, your colleague is safe to say ‘no idea’ in no time if he or she does not know the answer, without endless lists of fuzzy matches (more options = higher decision load). And then your he or she can take over and do the searching and deciding on the right term for you.

Whilst preparing, reserve a fixed place for particular types of information. Put your terminology all into the same database (categorized accordingly), always follow the same pattern when structuring your job folders, put other people’s glossaries and other valuable documents (‘the complete human skeleton in five languages’) that might turn out useful in the future into one folder.

When extracting terms from manuscripts or other texts, you might feel depleted after a while (spending hours deliberating whether to take a closer look at a particular term or just leave it alone). Take a decision break and switch to a less decision-intensive task (memorizing, researching). I always try to do the reading and term extracting before lunch and the term research bit in the afternoon.

I am sure that all conference interpreters have different perceptions of their information work, as well as different habits and preferences. I hope that you find some inspiration in my ideas – and please feel free to share your thoughts on it.

Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012

Weil es gerade zu der Diskussion rund um Lesetechniken passt: Für alle Nicht-VKD-Kurier-Leser hier noch einmal mein minimal geänderter Artikel aus dem VKD-Kurier 4/2012 (Danke an die Redaktion für die Genehmigung). Alle anderen einfach wegklicken.

Dolmetscher digitaldement?

Wer sich auch nur annähernd für das menschliche Gehirn interessiert, dem ist der Autor Manfred Spitzer ein Begriff. Mich hat sein Buch „Geist im Netz“ schon 1999 inspiriert, und nun hat er in diesem Jahr 2012 mit einem neuen Werk aufgewartet, das den verheißungsvollen Titel „Digitale Demenz“ trägt. Keine Frage, dass ich es sofort lesen musste. Dabei hat mich weniger sein Feldzug gegen die Verblödung von Kindern interessiert, sondern vielmehr die Frage, ob seine Erkenntnisse womöglich Licht auf die Frage der geistigen Verlotterung unserer Zunft durch die Arbeit mit dem Computer werfen. Dabei stehe ich persönlich dem Einsatz von Computern bekanntlich positiv gegenüber; ich mache mir nichts aus dem sinnlichen Erlebnis gestorbener Bäume an meinen Fingerkuppen, auch der Geruch von Druckerschwärze lässt mich kalt. Es ist mir ein Anliegen, die Vorteile ebenso wie die Gefahren der Digitalisierung zu kennen. Ebenso hält es meiner Einschätzung nach Manfred Spitzer, dem in den Medien, wie ich meine, zu unrecht Computer- oder Fortschrittsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Für alle, die dieses Thema auch umtreibt, habe ich also im Folgenden meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Lektüre von „Digitale Demenz“ zusammengetragen.

Medien an sich

Bei der ganzen Computerdiskussion und somit auch in „Digitale Demenz“ fällt mir auf, dass viele Phänomene, die gemeinhin mit dem Computer in Verbindung gebracht werden, auch im Zusammenhang mit Papiermedien auftreten. Wenn heutzutage allenthalben gejammert wird, dass alle in der Dolmetschpause nur noch ihre Nase in Facebook oder Online-Zeitungen stecken, statt sich zu unterhalten, sollte man nicht vergessen, dass man unlängst Nasen zwar nicht in Facebook, aber stattdessen in Zeitungen, Liebesromane, Sudoku oder Urlaubsprospekte zu stecken pflegte. Gleiches gilt für Menschen in U-Bahnen und an Frühstückstischen. Und Tastaturgeklapper mag zwar stören, Zeitungsrascheln tut dies aber ebenso (wohingegen ein E-Book wunderbar lautlos ist).

Auch das bei Spitzer beschriebene Phänomen, dass Kinder heute ihre Lebenswirklichkeit so sehr aus dem Computer oder dem Fernsehen beziehen, ist zunächst ein allgemeines Problem der Medienbasiertheit. Gleiches gilt nämlich für Kinder, die tagträumend in ihrer Winnetou-Welt aus den Büchern leben. Medien ersetzen in keinem Fall das reale Lernen und „begreifen“. Und dieses Phänomen kennen auch wir allzu gut: Man vergleiche nur das Aha-Erlebnis, das man beim Dolmetschen einer Betriebsführung haben kann, weil man die in endlosen Powerpointfolien bedolmetschten Vorteile von Melkrobotern plötzlich am lebenden Objekt in Aktion sieht.

Damit sei mitnichten in Abrede gestellt, dass digitale Medien durch die Dichte der auf einen Menschen einprasselnden Reize ein deutlich höheres Sucht- und Zerstreuungspotential bergen als Bücher. Nur können umgekehrt Computer je nach Nutzungsform auch die positiven Eigenschaften von Büchern aufweisen.

Gut, dass wir darüber geredet haben

Spitzer erläutert eingehend, dass für das Verarbeiten von Informationen nichts so gut ist wie direkter sozialer Kontakt; durch Diskussion mit unseren Mitmenschen erreichen wir eine tiefe und emotionale Verarbeitungsart, die Ihresgleichen sucht. Und diese (an sich nicht ganz neue) Erkenntnis sollte uns Dolmetscher jubilieren lassen über unser instinktiv richtiges Verhalten. Wie oft entspinnt sich in der Dolmetschkabine eine lebhafte Diskussion über akute Fragen oder frisch gewonnene Erkenntnisse („Wie funktioniert das nochmal mit den Emissionsrechten?“ – „Ach, da war doch letztens noch was in den Nachrichten …“). Dem Problem, dass punktuell gestopfte Wissenslücken nicht im Gedächtnis haften bleiben, begegnen wir Dolmetscher völlig von selbst mit der richtigen Strategie, indem wir es unbedingt bequatschen – ganz ohne dass man es uns empfohlen hätte. Diese Gewohnheit sollten wir unbedingt pflegen und bewahren.

Begünstigend kommt hinzu, dass wir dank der neuen Medien in der Lage sind, Wissenslücken direkt in der Situation zu recherchieren, was das Verständnis und die Gedächtnisverknüpfung natürlich stark begünstigt. Abgesehen davon, dass viele Dinge überhaupt nachgeschlagen werden, die ansonsten auf dem Weg zurück ins Büro längst in Vergessenheit geraten wären.

Schreiben hilft beim Lernen?

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass sie Worte einmal mit Hand und Stift aufschreiben müssen, damit sie den Weg in ihr Gedächtnis finden. Spitzer verweist in seinem Werk auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass das Lernen von Buchstaben vermutlich besser mit dem Stift in der Hand gelingt, da die Spur des Stiftes im Gehirn abgebildet wird. Dies gilt jedoch für Buchstaben und nicht unbedingt für Wörter oder Sätze oder sogar Inhalte. Abgesehen davon, dass es in unserem Fall ohnehin wichtiger ist, Desoxyribonukleinsäure aussprechen und nicht buchstabieren zu können. (Vorteil des Computers: Er verfügt auch über Sprachausgabe.)

Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass das handschriftliche Notieren an sich ein Problem darstellt; wenn man sich mit einem Stift zwischen den Fingern einfach wohler fühlt als mit einer Tastatur, führt das schließlich auch zu emotionalem Wohlbefinden, was wiederum das Lernen erleichtert. Nur diejenigen, die befürchten, durch Überspringen der Phase des handschriftlichen Notierens gehe ihnen ein wichtiger Lerneffekt verloren, und sich deshalb nicht so recht trauen, auf ein rein papierfreies Arbeiten umzusteigen, können diese Sorge vielleicht hinter sich lassen und stattdessen frohen Mutes versuchen, sich an den mannigfaltigen Bequemlichkeiten (Wiederauffindbarkeit durch Volltextsuche, Sortierbarkeit, Rechtschreibkontrolle, Kategorisierbarkeit, Übertragbarkeit) des computergestützten Arbeitens zu erfreuen.

Nachdenken hilft beim Merken – Aufschreiben hilft nicht beim Merken

Wir lernen bei Spitzer: Man merkt sich eine Information weniger, wenn man weiß, dass sie gespeichert ist. Man merkt sich dann eher den Ort, wo etwas aufgeschrieben oder abgespeichert wurde. Auch wenn eine Sache noch nicht erledigt ist, verbleibt sie eher im Gedächtnis als etwas Erledigtes, das man gedanklich abgehakt hat. Was um Himmels Willen fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Nichts mehr aufschreiben? Wohl eher nicht. Im Zusammenhang mit der Immerverfügbarkeit von Informationen im Internet ist die Gefahr wohl deutlich: Man merkt sich nichts mehr, weil man weiß, dass man es jederzeit nachschlagen kann. Da wir während des Dolmetschens aber nicht fortwährend Dinge nachschlagen können, müssen wir wohl oder übel nach wie vor zusehen, dass wir die Dinge im Kopf haben.

Und hier greift eine zweite Erkenntnis aus Spitzers Buch: Aktives Überlegen ist besser fürs Memorieren als bloßes Lesen. Was für uns Dolmetscher bedeutet: Wenn wir zwar schwerlich aufhören können, uns Dinge zu notieren, so können wir doch auf der anderen Seite unsere Merkfähigkeit am Leben erhalten, in dem wir darauf achten, dass wir uns die Liste der wichtigen Termini zum Thema Obstbranddestillation nicht nur durchlesen, sondern uns wirklich selbst abfragen, also aktiv überlegen und den Terminus aussprechen, bevor wir uns selbst denn Blick auf die Lösung freigeben. (Auf die Möglichkeiten der Computerunterstützung aus dem Bereich des Vokabellernens sei hier nur in Klammern verwiesen.)

Erwachsene verknüpfen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches „Digitale Demenz“ widmet sich der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Manfred Spitzer erklärt sehr einleuchtend, wie unterschiedlich erwachsene und kindliche Gehirne grundsätzlich lernen. Während bei Kindern innere Strukturen erst gebildet werden (müssen), lernen Erwachsene, indem sie neue Informationen mit dem vorhandenen Gefüge verknüpfen. Je mehr Aspekte einer Sache beleuchtet werden, desto vielseitiger die Verknüpfungen. Wichtig beim Lernen von Sachverhalten ist das Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels. Man erkannt das Ganze durch die Einzelheiten und umgekehrt. Erst so werden tiefe Wissensstrukturen gebildet. Wenn jemand, der dieses vielschichte Erfassen von Informationen nicht gelernt hat, nun im Internet etwas nachschaut, so erfolgt dies oft nur horizontal und nicht vertikal; er bleibt an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Er läuft auch Gefahr, sich durch die Vielzahl von Abwegen und Verknüpfungen ablenken zu lassen und zu verzetteln.

All dies wird also in Spitzers Buch stark betont und scheint auch mir von ganz zentraler Bedeutung für das Lernen und Denken einer ganzen Gesellschaft. Auf unsere Zunft hin interpretiert darf man dem jedoch durchaus auch entnehmen, dass mit entsprechendem Vorwissen ergänzende Informationen aus einer Suchmaschine sehr wohl gezielt gefunden, integriert und bewertet werden können. Wenn ich mich beispielsweise auf eine Wirtschaftskonferenz vorbereite und die Entsprechungen für Bruttoinlandsprodukt, Deckungsbeitrag, Diskontsatz und Rechnungsabgrenzungsposten nur als Benennungen in der anderen Sprache recherchiere, ist der Lerneffekt überschaubar. Setze ich mich hingegen mit den Bedeutungen auseinander, bleibt das Wissen wahrscheinlicher im Kopf. Und dafür wiederum bietet das Internet mit Lernvideos, Kontextsuchmaschinen usw. hervorragende Möglichkeiten. Häufig finden wir ganz automatisch auch Kontext zu einem Suchbegriff, ob wir wollen oder nicht. Sei es, weil wir bei der Suche nach einer Maschine auf der Seite des Herstellers landen (also wissen wir, aus welchem Land die Maschine kommt, wir erfahren schnell, wozu sie gut ist und wie sie aussieht) oder eine juristische Formulierung direkt im textlichen Umfeld sehen. Diese Art der Informationssuche trägt unserer Art zu Behalten und zu Verstehen sehr viel mehr Rechnung als das Nachschlagen in einem alphabetisch angeordneten Wörterbuch, in dem „Abfluss“ und „Abflug“ direkt hintereinander stehen und unter „Hahn“ sogar ein männliches Federtier unter der Waschbeckenarmatur erscheint.

Resümee

Offensichtlich ist beim sinnvollen Umgang mit dem Computer gar nicht vorrangig, was man am Computer so alles kann, sondern was man ohne Computer alles kann. Über Recherchiertes reden, das eigene Gedächtnis herausfordern und immer nach dem Gemeinten und dem Kontext fragen – wenn wir das beherzigen, haben wir gute Chancen, den Computer zu einem wertvollem Trainingsgerät und einem exzellenten Assistenten zu machen. Das Denken, Verstehen und Lernen kann er uns nicht abnehmen, aber wenn wir uns geschickt anstellen, kann er uns gut dabei helfen.