Digital dementia and conference interpreters – article published in Multilingual July/August 2015

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To read this article on effects of digitalisation on conference interpreters‘ memory and learning habits, please follow the link to multilingual.com (English only).

 

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About the author
Anja Rütten is a freelance conference interpreter for German (A), Spanish (B), English (C) and French (C) based in Düsseldorf, Germany. She has specialised in knowledge management since the mid-1990s.

 

 

Handschriftlich notieren oder tippen – was sagt die Forschung? | Handwriting vs. typing – what does research tell us?

+++ for English see below +++

laptop Egal, in welchem Kreis von Dolmetschern man darüber redet, geschätzte 10 % schwören immer Stein und Bein, dass sie sich die Dinge besser merken können, wenn sie sie mit Stift und Papier festhalten. Sie pfeifen auch auf die Vorteile des papierlosen Büros, darauf, ihre Unterlagen durchsuchen und Glossare sortieren zu können, mit Kollegen Unterlagen auszutauschen oder einfach nur kein Papier zu verschwenden und immer alles digital verfügbar zu haben. Die Argumentation lautet für gewöhnlich in etwa so: „Die Wörter wandern dann durch den Stift den Arm hinauf und direknotizent in mein Gehirn.“ In meinen Ohren eine etwas grobe Herleitung … Umgekehrt begegne ich allerdings auch der eher zufällig gemachten Erkenntnis mit Misstrauen, dass ich beim Konsekutivdolmetschen mit der Tastatur um ein Vielfaches detaillierter notiere als mit Stift und Block … Aber deshalb die hohe Kunst der Notizentechnik über Bord werfen? Meine Notizentechnik war zu Beginn meiner Karriere mein ganzer Stolz, ausgefeilt und systematisch. Mittlerweile ähnelt sie zwar eher einem Stück Papier, das man versehentlich im Hühnerstall vergessen hat – dies könnte mir aber egaler nicht sein, denn meine Merkfähigkeit im Konsekutivdolmetschen entwickelt sich glücklicherweise umgekehrt proportional zur Lesbarkeit und Schönheit meiner Notizen. Eigentlich einleuchtend: Die Notizentechnik ist darauf angelegt, Sinnstrukturen abzubilden, und abbilden bedeutet zunächst einmal erkennen. Je mehr man das Erkennen von Sinnstrukturen trainiert, desto überflüssiger macht sich die Notizentechnik entsprechend selbst. Also bin ich nach wie vor ein großer Fan von handschriftlichen Notizen beim Konsekutivdolmetschen, weil es einfach das Mitdenken und Verstehen fördert und die lebendige und glaubhafte Verdolmetschung einer Rede und keine Wort-für-Wort-Übersetzung vom Notizblatt ermöglicht. So weit, so gut. Aber muss ich deshalb wirklich auch alles andere handschriftlich festhalten, damit mein Geist sich bequemt, die Information in Wissen umzuwandeln?

Zu meiner großen Begeisterung hat sich kürzlich ein Forscherteam in den USA (Pam A. Mueller von der Princeton University und Daniel M. Oppenheimer von der University of California, Los Angeles) genau diese Frage gestellt: Hat das Notier-Instrument (Stift vs. Tastatur) einen Einfluss auf das Lernen? Dabei kamen ein paar interessante Erkenntnisse zutage:

Studenten, die bei einer Vorlesung mit Papier und Stift Notizen gemacht hatten, erzielten nachher beim Beantworten konzeptioneller Fragen zu Sinnzusammenhängen besser Ergebnisse als die Testpersonen, die mit dem Laptop notiert hatten. Ein Vorteil des Tippens liegt grundsätzlich zwar darin, dass man mengenmäßig mehr Informationen festhalten kann, was grundsätzlich dem Lernen zuträglich ist. Ein großer Nachteil – der diesen Vorteil zunichte machen kann – besteht jedoch darin, dass man beim Tippen eher dazu neigt, wortwörtlich mitzuschreiben, statt Sachverhalte zu synthetisieren (selbst wenn im Versuch darum gebeten wird, dies nicht zu tun). Dies wiederum beeinträchtigt die Verarbeitungstiefe und das inhaltliche Lernen. Was für konzeptionelles Wissen gilt, gilt jedoch nicht zwingend für andere Wissensarten: Beim Abfragen von Faktenwissen war es in den Versuchen interessanterweise so, dass die „Stiftnotierer“ den „Tastaturnotierern“ nur dann überlegen waren, wenn zwischen dem Notieren und dem Beantworten der Fragen eine Woche Zeit vergangen war; beim Abfragen unmittelbar nach dem Notieren waren hier die Leistungen gleich.

Als Konferenzdolmetscherin geht mir bei dieser Studie das Herz auf. Nicht ohne einen flüchtigen Gedanken an unser aller Lieblings-Kundenausspruch („Sie sollen das nicht verstehen, Sie sollen das nur dolmetschen.“) kommt mir sofort die wunderbare Kunst der Notizentechnik in den Sinn. Wenn schon das handschriftliche und damit zusammenfassende Notieren von Inhalten dem wortwörtlichen Mittippen überlegen ist, wie spitzemmäßig muss das Aufnehmen von Inhalten dann erst mit der Dolmetsch-Notizentechnik funktionieren, die ja genau das Abbilden von Sinnzusammenhängen zum Gegenstand hat? Wäre es nicht interessant, diese Versuche mit Dolmetschern zu wiederholen? Müsste nicht eigentlich die ganze Welt unsere Notizentechnik lernen?

Andererseits bin ich als papierlose Dolmetscherin auch beruhigt, dass das reine Faktenwissen ebensogut tastaturbasiert verarbeitet werden kann. Sprich: Wenn ich mir – oder Kollegen – beim Dolmetschen (sei es simultan oder konsekutiv) ohnehin nur ein paar Zahlen,  Namen oder Termini notiere, weil ich den Rest aus dem Kopf mache, kann ich das auch gleich am PC machen. Wenn es aber um „richtiges“ Konsekutivdolmetschen geht, sind Stift und Block (oder Touchscreen) plus gute Notizentechnik die Methode der Wahl. Aber auch in der Vorbereitungsphase – wenn es um Zusammenhänge geht, um Abläufe oder Unternehmensstrukturen – ist es durchaus eine gute Idee, sich dies mit Stift und Papier buchstäblich vor Augen zu führen – am besten auch dann unter Verwendung der Notizentechnik, frei nach Matyssek or Rozan.

PS: Und wer noch darüber nachdenkt, wie man diese Spontanvisualisierungen dann am geschicktesten in den Computer bekommt: Vielleicht taugt ja das neue Mikrowellen-Notizbuch etwas?

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Über die Autorin:
Anja Rütten ist freiberufliche Konferenzdolmetscherin für Deutsch (A), Spanisch (B), Englisch (C) und Französisch (C) in Düsseldorf. Sie widment sich seit Mitte der 1990er dem Wissensmanagement.

+++ English version +++

Whenever you get tlaptopo talk about note-taking with a bunch of conference interpreters, at least one in ten will most probably be telling you that they just remember things better if they write them down using pen and paper. They don’t care about paperless offices, searching their documents and sorting glossaries alphabetically, sharing information with colleagues or simply avoiding excessive use of paper and having access to their documents any place, any time. The explanation goes roughly like this: “The words just travel through the pen up my arm, entering directly into my brain.” notizenSlightly too simple a reasoning to convince me … On the other hand, I am nonetheless suspicious about a phenomenon I found out about rather by coincidence: interpreting consecutively, I can take many more notes, and more detailed ones, using my laptop computer than with pen and paper. Fair enough … but reason enough to scrap my good old-fashioned note-taking technique, which I was so proud of back when I graduated? Once very nuanced and systematic, nowadays my notes rather resemble a piece of paper someone forgot in the hen house. But I couldn’t care less, as my powers of memory seem to increase in inverse proportion to the beauty and legibility of my notes. Quite logical, actually: Interpreters’ note-taking technique is made to visualise semantic structures, and visualising means understanding in the first place. So the more you practice note-taking, the less you will end up needing them, which is why I am still quite fond of pen and paper notes after all. What we want to deliver is the lively and credible interpretation of a speech and not a sight translation of our notes. Now that’s for interpreting. But do I really have to write down every piece of information with pen and paper for my mind to take it in as knowledge?

To my utmost delight, a team of researchers in the USA (Pam A. Mueller from Princeton University and Daniel M. Oppenheimer from University of California, Los Angeles) have asked themselves exactly the same question: Does the instrument of note-taking (pen vs. keyboard) influence learning? The results are quite interesting:

Students who had taken notes of a lecture using pen and paper performed better in answering conceptual questions than those tested who had taken notes using a laptop computer. Even though typing has the advantage that more information can be captured, which in itself is beneficial to learning, the downside – potentially outweighing this advantage – is that when fast-typing, people tend to transcribe verbatim instead of synthesing the content (and the test participants did so even when being told to avoid verbatim transcription). This in turn leads to shallower processing and impairs conceptual learning. But, interestingly, what goes for conceptual learning, does not necessarily apply to other types of knowledge: For factual knowledge, the advantage pen-users showed over keyboard-users did only occur when a week had elapsed between the lecture and the test. In immediate testing, there was no difference in performance of pen vs. keyboard users.

As a conference interpreter, I am quite thrilled by this study. It is not without remembering the famous client’s comment (“You are supposed to translate, not to understand.”) that our wonderful note-taking technique springs to mind. If hand-written, i. e. summarising, content-based notes are superior to verbatim typing, then just how much more efficient must interpreters’ notes be, which are designed to do exactly this, encoding conceptual relations? Wouldn’t it be interesting to repeat the same study with interpreters? And, by the way, shouldn’t the whole world learn how to take notes like interpreters do?

Then again, as a paperless interpreter I am in a way reassured to know that mere factual knowledge is eligible for keyboard-based processing after all. So I can still use my laptop computer while interpreting (simultaneously or consecutively) in order to note down some numbers, names or terms – be it for myself or for my colleague – while I rely on my brain for the rest of the job. But for “real” consecutive interpreting, pen and paper (or touchscreen) plus strong note-taking skills are the method of choice. And also in the preparation phase, when it comes to understanding the structure of a company or a particular workflow, there is no such thing as visualising them manually – ideally doing it the Matyssek or Rozan way.

PS: And if you are wondering how to bring the results of your spontaneous visualisations to your hard disc … What about the new microwaveable notebook?

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About the author:
Anja Rütten is a freelance conference interpreter for German (A), Spanish (B), English (C) and French (C) based in Düsseldorf, Germany. She has specialised in knowledge management since the mid-1990s.

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Reference:
Pam A. Mueller1 and Daniel M. Oppenheimer2 (1Princeton University and 2University of California, Los Angeles): The Pen Is Mightier Than the Keyboard: Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking. In: Psychological Science 2014, Vol. 25(6) 1159–1168; http://pss.sagepub.com/content/early/2014/04/22/0956797614524581

Not-To-Do Lists and Not-To-Learn Words

not to learn - nicht lernen

+++ For English see below +++

To-Do-Listen sind eine feine Sache: Einmal aufgeschrieben, kann man lästige Aufgaben zumindest zeitweilig des Gedächtnisses verweisen, und überhaupt ist man viel organisierter und effizienter. Ich zumindest gieße seit Ewigkeiten alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, in eine Excel-Tabelle – seien es nun Geld, Arbeit, Adressbuch oder die Weihnachtsgeschenke der gesamten Familie.

Die ultimative Glückseligmachung des Selbstmanagements aber sind nicht die Listen, die uns sagen, was zu tun ist, sondern die Not-To-Do-Listen. Sie entschlacken unseren Alltag und schaffen erst die Freiräume für die wichtigen Dinge des Lebens. Die wichtigen Dinge des Lebens und Not-To-Do-Listen sollen aber mein Thema gar nicht sein, denn damit haben sich andere schon viel qualifizierter auseinandergesetzt, so etwa Pat Brans im Blog des Forbes-Magazin oder Timothy Ferriss, Autor des Buchs „Die 4-Stunden-Woche“.

Mich als Dolmetscherin erinnert dieser Ansatz nur unweigerlich an ein Prinzip, auf dem ich in Seminaren für Konferenzdolmetscher seit Jahren gerne herumreite, nämlich der Kosten-Nutzen-Abwägung bzw. Selektion beim Vokabellernen – zeitgeist-adäquat nun auch „not-to-learn words“ genannt. Das Prinzip bleibt das Gleiche: Regelmäßig ziehen wir bis an die Zähne vorbereitet in den Dolmetscheinsatz, im Gepäck Glossare (hoffentlich eher Datenbanken) mit lässig an die 100 bis 400 Termini. Aber alle auswendig lernen, womöglich so stark automatisiert, dass sie uns auch unter kognitiver Belastung mühelos einfallen? Manchmal eher nicht wirklich. Zumal nicht selten nur die Hälfte der vorbereiteten Terminologie überhaupt zum Einsatz kommt. Folglich ist es eine gute Idee, einen Teil der Terminologie von vorneherein bewusst auf die Nicht-Lernen-Liste zu setzen, statt die Entscheidung dem Zufall zu überlassen, an welche Termini wir uns nun im entscheidenen Augenblick erinnern. Um Kandidaten für diese Liste zu erkennen, kann man sich an drei Kriterien orientieren (oder in Huffington-Post-Deutsch: „Drei Wege, wie Sie Ihre persönlichen Not-To-Learn Words erkennen und damit Ihr ganzes Leben revolutionieren“):

– Man kann sie sich beim besten Willen nicht merken. Wenn es aber sein muss und die „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ nunmal ein zentraler Begriff ist, besser aufschreiben und immer gut sichtbar platzieren. Gut abgelesen ist allemal besser als schlecht gelernt.

– Kein Mensch weiß, wie wahrscheinlich es ist, dass dieser Begriff in der heutigen Konferenz und im restlichen Leben überhaupt je eine Rolle spielen wird. Besser abrufbar schriftlich/digital mitführen. Dabei macht es natürlich einen Unterschied, ob der Kontext für das „Schleierkraut“ im Blumenstrauß für die Vorsitzende zu suchen ist („lovely flowers!“) oder in einem Botanikerkongress („babies‘ breath, Gypsophila paniculata“).

– Lässt sich zur Not improvisieren. Ein Negativbeispiel hierfür wären militärische Ränge. Wenn aus Oberstleutnant Meyer „el Señor Meyer“ wird, macht das nicht unbedingt einen schlanken Fuß. Unersetzbares also besser lernen.

Und das Lustigste daran: Bestimmt sind es genau die Begriffe, die auf der Not-To-Learn-Liste stehen, die man unweigerlich doch im Kopf hat. Denn am Ende gilt eben immer: Dolmetscher wissen alles.

 

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To-do lists are just lovely: Once you have put all nasty tasks down there, you can forget about them for a while and, what’s more, be just perfectly organised and highly efficient. I have been putting anything into spreadsheets for ages, be it money, jobs, my address book or the whole family’s Christmas gifts.

If, however, you want to go the extra mile on your way to happiness and self-management, you will most probably not want lists to tell you what you have to do, but rather what not to do – the famous “not-to-do lists”. They help to prune your daily life and leave room for what really matters. Now I am not the right person to tell you what really matters in life or how to handle not-to-do lists, as other more qualified people have done so before, such as Pat Brans on the Forbes magazine’s blog or Timothy Ferriss, author of the book „The 4-Hour Workweek“.

But still … these not-to-do lists remind me of something I have been dwelling upon for years in conference interpreting seminars: the principle of cost-benefit ratios and selection when it comes to learning vocab for a job – now probably to be called „not-to-learn words“. The principle remains the same: We often go to work prepared to the teeth, easily carrying with us some 100 to 400 terms in our glossaries (or, hopefully, rather data bases). But have we learnt them all by heart, ideally to a degree that makes us spit them out automatically in the right moment, even under cognitive load? Well, rather not, sometimes. And quite understandably so, as it occurs that half of the terminology prepared is not applied after all. Accordingly, it is a good idea to discard some of the terminology-to-be-learnt in advance and put it on your not-to-learn word list instead of relying on being lucky enough to retain the decisive terms. There are some criteria to identify the right candidates for your not-to-learn words (or, to put it in Huffington Post style: Three life-changing ways of creating your personal not-to-learn word list):

– You just cannot bring yourself to memorising this word (or expression). Now, if they really insist on talking about „zirkulierende Wirbelschichtverbrennung“/“circulating fluidized bed combustion“/“combustión en lecho fluidizado circulante“ all day, make sure to write it down and place it somewhere visible at all times. Better well read than badly remembered.

– You have no idea about how likely this term is to ever pop up in your conference or your life at all. Better have it with you on paper or computer. Of course, it makes a difference whether the “babies‘ breath“ or Gypsophila paniculata turns up in the context of a botanical congress („Schleierkraut“) or in the bunch of flowers the president receives for her birthday (“tolle Blumen!”).
– If necessary, you might get away with an impromptu solution. A negative example of this is military ranks, which just can’t be invented. And if Lieutenant Meyer becomes „el Señor Meyer“, this will not exactly make you shine as an interpreter. You better learn the irreplaceable.

And the funny thing is that, at the end, you are bound to remember exactly the terms you put on the not-to-learn list. After all, interpreters just know it all.

Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012

Weil es gerade zu der Diskussion rund um Lesetechniken passt: Für alle Nicht-VKD-Kurier-Leser hier noch einmal mein minimal geänderter Artikel aus dem VKD-Kurier 4/2012 (Danke an die Redaktion für die Genehmigung). Alle anderen einfach wegklicken.

Dolmetscher digitaldement?

Wer sich auch nur annähernd für das menschliche Gehirn interessiert, dem ist der Autor Manfred Spitzer ein Begriff. Mich hat sein Buch „Geist im Netz“ schon 1999 inspiriert, und nun hat er in diesem Jahr 2012 mit einem neuen Werk aufgewartet, das den verheißungsvollen Titel „Digitale Demenz“ trägt. Keine Frage, dass ich es sofort lesen musste. Dabei hat mich weniger sein Feldzug gegen die Verblödung von Kindern interessiert, sondern vielmehr die Frage, ob seine Erkenntnisse womöglich Licht auf die Frage der geistigen Verlotterung unserer Zunft durch die Arbeit mit dem Computer werfen. Dabei stehe ich persönlich dem Einsatz von Computern bekanntlich positiv gegenüber; ich mache mir nichts aus dem sinnlichen Erlebnis gestorbener Bäume an meinen Fingerkuppen, auch der Geruch von Druckerschwärze lässt mich kalt. Es ist mir ein Anliegen, die Vorteile ebenso wie die Gefahren der Digitalisierung zu kennen. Ebenso hält es meiner Einschätzung nach Manfred Spitzer, dem in den Medien, wie ich meine, zu unrecht Computer- oder Fortschrittsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Für alle, die dieses Thema auch umtreibt, habe ich also im Folgenden meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Lektüre von „Digitale Demenz“ zusammengetragen.

Medien an sich

Bei der ganzen Computerdiskussion und somit auch in „Digitale Demenz“ fällt mir auf, dass viele Phänomene, die gemeinhin mit dem Computer in Verbindung gebracht werden, auch im Zusammenhang mit Papiermedien auftreten. Wenn heutzutage allenthalben gejammert wird, dass alle in der Dolmetschpause nur noch ihre Nase in Facebook oder Online-Zeitungen stecken, statt sich zu unterhalten, sollte man nicht vergessen, dass man unlängst Nasen zwar nicht in Facebook, aber stattdessen in Zeitungen, Liebesromane, Sudoku oder Urlaubsprospekte zu stecken pflegte. Gleiches gilt für Menschen in U-Bahnen und an Frühstückstischen. Und Tastaturgeklapper mag zwar stören, Zeitungsrascheln tut dies aber ebenso (wohingegen ein E-Book wunderbar lautlos ist).

Auch das bei Spitzer beschriebene Phänomen, dass Kinder heute ihre Lebenswirklichkeit so sehr aus dem Computer oder dem Fernsehen beziehen, ist zunächst ein allgemeines Problem der Medienbasiertheit. Gleiches gilt nämlich für Kinder, die tagträumend in ihrer Winnetou-Welt aus den Büchern leben. Medien ersetzen in keinem Fall das reale Lernen und „begreifen“. Und dieses Phänomen kennen auch wir allzu gut: Man vergleiche nur das Aha-Erlebnis, das man beim Dolmetschen einer Betriebsführung haben kann, weil man die in endlosen Powerpointfolien bedolmetschten Vorteile von Melkrobotern plötzlich am lebenden Objekt in Aktion sieht.

Damit sei mitnichten in Abrede gestellt, dass digitale Medien durch die Dichte der auf einen Menschen einprasselnden Reize ein deutlich höheres Sucht- und Zerstreuungspotential bergen als Bücher. Nur können umgekehrt Computer je nach Nutzungsform auch die positiven Eigenschaften von Büchern aufweisen.

Gut, dass wir darüber geredet haben

Spitzer erläutert eingehend, dass für das Verarbeiten von Informationen nichts so gut ist wie direkter sozialer Kontakt; durch Diskussion mit unseren Mitmenschen erreichen wir eine tiefe und emotionale Verarbeitungsart, die Ihresgleichen sucht. Und diese (an sich nicht ganz neue) Erkenntnis sollte uns Dolmetscher jubilieren lassen über unser instinktiv richtiges Verhalten. Wie oft entspinnt sich in der Dolmetschkabine eine lebhafte Diskussion über akute Fragen oder frisch gewonnene Erkenntnisse („Wie funktioniert das nochmal mit den Emissionsrechten?“ – „Ach, da war doch letztens noch was in den Nachrichten …“). Dem Problem, dass punktuell gestopfte Wissenslücken nicht im Gedächtnis haften bleiben, begegnen wir Dolmetscher völlig von selbst mit der richtigen Strategie, indem wir es unbedingt bequatschen – ganz ohne dass man es uns empfohlen hätte. Diese Gewohnheit sollten wir unbedingt pflegen und bewahren.

Begünstigend kommt hinzu, dass wir dank der neuen Medien in der Lage sind, Wissenslücken direkt in der Situation zu recherchieren, was das Verständnis und die Gedächtnisverknüpfung natürlich stark begünstigt. Abgesehen davon, dass viele Dinge überhaupt nachgeschlagen werden, die ansonsten auf dem Weg zurück ins Büro längst in Vergessenheit geraten wären.

Schreiben hilft beim Lernen?

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass sie Worte einmal mit Hand und Stift aufschreiben müssen, damit sie den Weg in ihr Gedächtnis finden. Spitzer verweist in seinem Werk auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass das Lernen von Buchstaben vermutlich besser mit dem Stift in der Hand gelingt, da die Spur des Stiftes im Gehirn abgebildet wird. Dies gilt jedoch für Buchstaben und nicht unbedingt für Wörter oder Sätze oder sogar Inhalte. Abgesehen davon, dass es in unserem Fall ohnehin wichtiger ist, Desoxyribonukleinsäure aussprechen und nicht buchstabieren zu können. (Vorteil des Computers: Er verfügt auch über Sprachausgabe.)

Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass das handschriftliche Notieren an sich ein Problem darstellt; wenn man sich mit einem Stift zwischen den Fingern einfach wohler fühlt als mit einer Tastatur, führt das schließlich auch zu emotionalem Wohlbefinden, was wiederum das Lernen erleichtert. Nur diejenigen, die befürchten, durch Überspringen der Phase des handschriftlichen Notierens gehe ihnen ein wichtiger Lerneffekt verloren, und sich deshalb nicht so recht trauen, auf ein rein papierfreies Arbeiten umzusteigen, können diese Sorge vielleicht hinter sich lassen und stattdessen frohen Mutes versuchen, sich an den mannigfaltigen Bequemlichkeiten (Wiederauffindbarkeit durch Volltextsuche, Sortierbarkeit, Rechtschreibkontrolle, Kategorisierbarkeit, Übertragbarkeit) des computergestützten Arbeitens zu erfreuen.

Nachdenken hilft beim Merken – Aufschreiben hilft nicht beim Merken

Wir lernen bei Spitzer: Man merkt sich eine Information weniger, wenn man weiß, dass sie gespeichert ist. Man merkt sich dann eher den Ort, wo etwas aufgeschrieben oder abgespeichert wurde. Auch wenn eine Sache noch nicht erledigt ist, verbleibt sie eher im Gedächtnis als etwas Erledigtes, das man gedanklich abgehakt hat. Was um Himmels Willen fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Nichts mehr aufschreiben? Wohl eher nicht. Im Zusammenhang mit der Immerverfügbarkeit von Informationen im Internet ist die Gefahr wohl deutlich: Man merkt sich nichts mehr, weil man weiß, dass man es jederzeit nachschlagen kann. Da wir während des Dolmetschens aber nicht fortwährend Dinge nachschlagen können, müssen wir wohl oder übel nach wie vor zusehen, dass wir die Dinge im Kopf haben.

Und hier greift eine zweite Erkenntnis aus Spitzers Buch: Aktives Überlegen ist besser fürs Memorieren als bloßes Lesen. Was für uns Dolmetscher bedeutet: Wenn wir zwar schwerlich aufhören können, uns Dinge zu notieren, so können wir doch auf der anderen Seite unsere Merkfähigkeit am Leben erhalten, in dem wir darauf achten, dass wir uns die Liste der wichtigen Termini zum Thema Obstbranddestillation nicht nur durchlesen, sondern uns wirklich selbst abfragen, also aktiv überlegen und den Terminus aussprechen, bevor wir uns selbst denn Blick auf die Lösung freigeben. (Auf die Möglichkeiten der Computerunterstützung aus dem Bereich des Vokabellernens sei hier nur in Klammern verwiesen.)

Erwachsene verknüpfen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches „Digitale Demenz“ widmet sich der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Manfred Spitzer erklärt sehr einleuchtend, wie unterschiedlich erwachsene und kindliche Gehirne grundsätzlich lernen. Während bei Kindern innere Strukturen erst gebildet werden (müssen), lernen Erwachsene, indem sie neue Informationen mit dem vorhandenen Gefüge verknüpfen. Je mehr Aspekte einer Sache beleuchtet werden, desto vielseitiger die Verknüpfungen. Wichtig beim Lernen von Sachverhalten ist das Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels. Man erkannt das Ganze durch die Einzelheiten und umgekehrt. Erst so werden tiefe Wissensstrukturen gebildet. Wenn jemand, der dieses vielschichte Erfassen von Informationen nicht gelernt hat, nun im Internet etwas nachschaut, so erfolgt dies oft nur horizontal und nicht vertikal; er bleibt an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Er läuft auch Gefahr, sich durch die Vielzahl von Abwegen und Verknüpfungen ablenken zu lassen und zu verzetteln.

All dies wird also in Spitzers Buch stark betont und scheint auch mir von ganz zentraler Bedeutung für das Lernen und Denken einer ganzen Gesellschaft. Auf unsere Zunft hin interpretiert darf man dem jedoch durchaus auch entnehmen, dass mit entsprechendem Vorwissen ergänzende Informationen aus einer Suchmaschine sehr wohl gezielt gefunden, integriert und bewertet werden können. Wenn ich mich beispielsweise auf eine Wirtschaftskonferenz vorbereite und die Entsprechungen für Bruttoinlandsprodukt, Deckungsbeitrag, Diskontsatz und Rechnungsabgrenzungsposten nur als Benennungen in der anderen Sprache recherchiere, ist der Lerneffekt überschaubar. Setze ich mich hingegen mit den Bedeutungen auseinander, bleibt das Wissen wahrscheinlicher im Kopf. Und dafür wiederum bietet das Internet mit Lernvideos, Kontextsuchmaschinen usw. hervorragende Möglichkeiten. Häufig finden wir ganz automatisch auch Kontext zu einem Suchbegriff, ob wir wollen oder nicht. Sei es, weil wir bei der Suche nach einer Maschine auf der Seite des Herstellers landen (also wissen wir, aus welchem Land die Maschine kommt, wir erfahren schnell, wozu sie gut ist und wie sie aussieht) oder eine juristische Formulierung direkt im textlichen Umfeld sehen. Diese Art der Informationssuche trägt unserer Art zu Behalten und zu Verstehen sehr viel mehr Rechnung als das Nachschlagen in einem alphabetisch angeordneten Wörterbuch, in dem „Abfluss“ und „Abflug“ direkt hintereinander stehen und unter „Hahn“ sogar ein männliches Federtier unter der Waschbeckenarmatur erscheint.

Resümee

Offensichtlich ist beim sinnvollen Umgang mit dem Computer gar nicht vorrangig, was man am Computer so alles kann, sondern was man ohne Computer alles kann. Über Recherchiertes reden, das eigene Gedächtnis herausfordern und immer nach dem Gemeinten und dem Kontext fragen – wenn wir das beherzigen, haben wir gute Chancen, den Computer zu einem wertvollem Trainingsgerät und einem exzellenten Assistenten zu machen. Das Denken, Verstehen und Lernen kann er uns nicht abnehmen, aber wenn wir uns geschickt anstellen, kann er uns gut dabei helfen.