Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012

Weil es gerade zu der Diskussion rund um Lesetechniken passt: Für alle Nicht-VKD-Kurier-Leser hier noch einmal mein minimal geänderter Artikel aus dem VKD-Kurier 4/2012 (Danke an die Redaktion für die Genehmigung). Alle anderen einfach wegklicken.

Dolmetscher digitaldement?

Wer sich auch nur annähernd für das menschliche Gehirn interessiert, dem ist der Autor Manfred Spitzer ein Begriff. Mich hat sein Buch „Geist im Netz“ schon 1999 inspiriert, und nun hat er in diesem Jahr 2012 mit einem neuen Werk aufgewartet, das den verheißungsvollen Titel „Digitale Demenz“ trägt. Keine Frage, dass ich es sofort lesen musste. Dabei hat mich weniger sein Feldzug gegen die Verblödung von Kindern interessiert, sondern vielmehr die Frage, ob seine Erkenntnisse womöglich Licht auf die Frage der geistigen Verlotterung unserer Zunft durch die Arbeit mit dem Computer werfen. Dabei stehe ich persönlich dem Einsatz von Computern bekanntlich positiv gegenüber; ich mache mir nichts aus dem sinnlichen Erlebnis gestorbener Bäume an meinen Fingerkuppen, auch der Geruch von Druckerschwärze lässt mich kalt. Es ist mir ein Anliegen, die Vorteile ebenso wie die Gefahren der Digitalisierung zu kennen. Ebenso hält es meiner Einschätzung nach Manfred Spitzer, dem in den Medien, wie ich meine, zu unrecht Computer- oder Fortschrittsfeindlichkeit vorgeworfen wird.

Für alle, die dieses Thema auch umtreibt, habe ich also im Folgenden meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Lektüre von „Digitale Demenz“ zusammengetragen.

Medien an sich

Bei der ganzen Computerdiskussion und somit auch in „Digitale Demenz“ fällt mir auf, dass viele Phänomene, die gemeinhin mit dem Computer in Verbindung gebracht werden, auch im Zusammenhang mit Papiermedien auftreten. Wenn heutzutage allenthalben gejammert wird, dass alle in der Dolmetschpause nur noch ihre Nase in Facebook oder Online-Zeitungen stecken, statt sich zu unterhalten, sollte man nicht vergessen, dass man unlängst Nasen zwar nicht in Facebook, aber stattdessen in Zeitungen, Liebesromane, Sudoku oder Urlaubsprospekte zu stecken pflegte. Gleiches gilt für Menschen in U-Bahnen und an Frühstückstischen. Und Tastaturgeklapper mag zwar stören, Zeitungsrascheln tut dies aber ebenso (wohingegen ein E-Book wunderbar lautlos ist).

Auch das bei Spitzer beschriebene Phänomen, dass Kinder heute ihre Lebenswirklichkeit so sehr aus dem Computer oder dem Fernsehen beziehen, ist zunächst ein allgemeines Problem der Medienbasiertheit. Gleiches gilt nämlich für Kinder, die tagträumend in ihrer Winnetou-Welt aus den Büchern leben. Medien ersetzen in keinem Fall das reale Lernen und „begreifen“. Und dieses Phänomen kennen auch wir allzu gut: Man vergleiche nur das Aha-Erlebnis, das man beim Dolmetschen einer Betriebsführung haben kann, weil man die in endlosen Powerpointfolien bedolmetschten Vorteile von Melkrobotern plötzlich am lebenden Objekt in Aktion sieht.

Damit sei mitnichten in Abrede gestellt, dass digitale Medien durch die Dichte der auf einen Menschen einprasselnden Reize ein deutlich höheres Sucht- und Zerstreuungspotential bergen als Bücher. Nur können umgekehrt Computer je nach Nutzungsform auch die positiven Eigenschaften von Büchern aufweisen.

Gut, dass wir darüber geredet haben

Spitzer erläutert eingehend, dass für das Verarbeiten von Informationen nichts so gut ist wie direkter sozialer Kontakt; durch Diskussion mit unseren Mitmenschen erreichen wir eine tiefe und emotionale Verarbeitungsart, die Ihresgleichen sucht. Und diese (an sich nicht ganz neue) Erkenntnis sollte uns Dolmetscher jubilieren lassen über unser instinktiv richtiges Verhalten. Wie oft entspinnt sich in der Dolmetschkabine eine lebhafte Diskussion über akute Fragen oder frisch gewonnene Erkenntnisse („Wie funktioniert das nochmal mit den Emissionsrechten?“ – „Ach, da war doch letztens noch was in den Nachrichten …“). Dem Problem, dass punktuell gestopfte Wissenslücken nicht im Gedächtnis haften bleiben, begegnen wir Dolmetscher völlig von selbst mit der richtigen Strategie, indem wir es unbedingt bequatschen – ganz ohne dass man es uns empfohlen hätte. Diese Gewohnheit sollten wir unbedingt pflegen und bewahren.

Begünstigend kommt hinzu, dass wir dank der neuen Medien in der Lage sind, Wissenslücken direkt in der Situation zu recherchieren, was das Verständnis und die Gedächtnisverknüpfung natürlich stark begünstigt. Abgesehen davon, dass viele Dinge überhaupt nachgeschlagen werden, die ansonsten auf dem Weg zurück ins Büro längst in Vergessenheit geraten wären.

Schreiben hilft beim Lernen?

Viele Menschen sind überzeugt davon, dass sie Worte einmal mit Hand und Stift aufschreiben müssen, damit sie den Weg in ihr Gedächtnis finden. Spitzer verweist in seinem Werk auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass das Lernen von Buchstaben vermutlich besser mit dem Stift in der Hand gelingt, da die Spur des Stiftes im Gehirn abgebildet wird. Dies gilt jedoch für Buchstaben und nicht unbedingt für Wörter oder Sätze oder sogar Inhalte. Abgesehen davon, dass es in unserem Fall ohnehin wichtiger ist, Desoxyribonukleinsäure aussprechen und nicht buchstabieren zu können. (Vorteil des Computers: Er verfügt auch über Sprachausgabe.)

Umgekehrt bedeutet das natürlich nicht, dass das handschriftliche Notieren an sich ein Problem darstellt; wenn man sich mit einem Stift zwischen den Fingern einfach wohler fühlt als mit einer Tastatur, führt das schließlich auch zu emotionalem Wohlbefinden, was wiederum das Lernen erleichtert. Nur diejenigen, die befürchten, durch Überspringen der Phase des handschriftlichen Notierens gehe ihnen ein wichtiger Lerneffekt verloren, und sich deshalb nicht so recht trauen, auf ein rein papierfreies Arbeiten umzusteigen, können diese Sorge vielleicht hinter sich lassen und stattdessen frohen Mutes versuchen, sich an den mannigfaltigen Bequemlichkeiten (Wiederauffindbarkeit durch Volltextsuche, Sortierbarkeit, Rechtschreibkontrolle, Kategorisierbarkeit, Übertragbarkeit) des computergestützten Arbeitens zu erfreuen.

Nachdenken hilft beim Merken – Aufschreiben hilft nicht beim Merken

Wir lernen bei Spitzer: Man merkt sich eine Information weniger, wenn man weiß, dass sie gespeichert ist. Man merkt sich dann eher den Ort, wo etwas aufgeschrieben oder abgespeichert wurde. Auch wenn eine Sache noch nicht erledigt ist, verbleibt sie eher im Gedächtnis als etwas Erledigtes, das man gedanklich abgehakt hat. Was um Himmels Willen fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Nichts mehr aufschreiben? Wohl eher nicht. Im Zusammenhang mit der Immerverfügbarkeit von Informationen im Internet ist die Gefahr wohl deutlich: Man merkt sich nichts mehr, weil man weiß, dass man es jederzeit nachschlagen kann. Da wir während des Dolmetschens aber nicht fortwährend Dinge nachschlagen können, müssen wir wohl oder übel nach wie vor zusehen, dass wir die Dinge im Kopf haben.

Und hier greift eine zweite Erkenntnis aus Spitzers Buch: Aktives Überlegen ist besser fürs Memorieren als bloßes Lesen. Was für uns Dolmetscher bedeutet: Wenn wir zwar schwerlich aufhören können, uns Dinge zu notieren, so können wir doch auf der anderen Seite unsere Merkfähigkeit am Leben erhalten, in dem wir darauf achten, dass wir uns die Liste der wichtigen Termini zum Thema Obstbranddestillation nicht nur durchlesen, sondern uns wirklich selbst abfragen, also aktiv überlegen und den Terminus aussprechen, bevor wir uns selbst denn Blick auf die Lösung freigeben. (Auf die Möglichkeiten der Computerunterstützung aus dem Bereich des Vokabellernens sei hier nur in Klammern verwiesen.)

Erwachsene verknüpfen

Ein nicht unwesentlicher Teil des Buches „Digitale Demenz“ widmet sich der Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Manfred Spitzer erklärt sehr einleuchtend, wie unterschiedlich erwachsene und kindliche Gehirne grundsätzlich lernen. Während bei Kindern innere Strukturen erst gebildet werden (müssen), lernen Erwachsene, indem sie neue Informationen mit dem vorhandenen Gefüge verknüpfen. Je mehr Aspekte einer Sache beleuchtet werden, desto vielseitiger die Verknüpfungen. Wichtig beim Lernen von Sachverhalten ist das Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels. Man erkannt das Ganze durch die Einzelheiten und umgekehrt. Erst so werden tiefe Wissensstrukturen gebildet. Wenn jemand, der dieses vielschichte Erfassen von Informationen nicht gelernt hat, nun im Internet etwas nachschaut, so erfolgt dies oft nur horizontal und nicht vertikal; er bleibt an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Er läuft auch Gefahr, sich durch die Vielzahl von Abwegen und Verknüpfungen ablenken zu lassen und zu verzetteln.

All dies wird also in Spitzers Buch stark betont und scheint auch mir von ganz zentraler Bedeutung für das Lernen und Denken einer ganzen Gesellschaft. Auf unsere Zunft hin interpretiert darf man dem jedoch durchaus auch entnehmen, dass mit entsprechendem Vorwissen ergänzende Informationen aus einer Suchmaschine sehr wohl gezielt gefunden, integriert und bewertet werden können. Wenn ich mich beispielsweise auf eine Wirtschaftskonferenz vorbereite und die Entsprechungen für Bruttoinlandsprodukt, Deckungsbeitrag, Diskontsatz und Rechnungsabgrenzungsposten nur als Benennungen in der anderen Sprache recherchiere, ist der Lerneffekt überschaubar. Setze ich mich hingegen mit den Bedeutungen auseinander, bleibt das Wissen wahrscheinlicher im Kopf. Und dafür wiederum bietet das Internet mit Lernvideos, Kontextsuchmaschinen usw. hervorragende Möglichkeiten. Häufig finden wir ganz automatisch auch Kontext zu einem Suchbegriff, ob wir wollen oder nicht. Sei es, weil wir bei der Suche nach einer Maschine auf der Seite des Herstellers landen (also wissen wir, aus welchem Land die Maschine kommt, wir erfahren schnell, wozu sie gut ist und wie sie aussieht) oder eine juristische Formulierung direkt im textlichen Umfeld sehen. Diese Art der Informationssuche trägt unserer Art zu Behalten und zu Verstehen sehr viel mehr Rechnung als das Nachschlagen in einem alphabetisch angeordneten Wörterbuch, in dem „Abfluss“ und „Abflug“ direkt hintereinander stehen und unter „Hahn“ sogar ein männliches Federtier unter der Waschbeckenarmatur erscheint.

Resümee

Offensichtlich ist beim sinnvollen Umgang mit dem Computer gar nicht vorrangig, was man am Computer so alles kann, sondern was man ohne Computer alles kann. Über Recherchiertes reden, das eigene Gedächtnis herausfordern und immer nach dem Gemeinten und dem Kontext fragen – wenn wir das beherzigen, haben wir gute Chancen, den Computer zu einem wertvollem Trainingsgerät und einem exzellenten Assistenten zu machen. Das Denken, Verstehen und Lernen kann er uns nicht abnehmen, aber wenn wir uns geschickt anstellen, kann er uns gut dabei helfen.

2 Gedanken zu „Digitale Demenz bei Dolmetschern? – Beitrag aus dem VKD-Kurier 4/2012“

  1. Es hat zwar nicht unmittelbar etwas mit unserer täglichen Arbeit zu tun, dennoch wollte ich Euch nicht vorenthalten, dass Manfred Spitzer mich freundlicherweise noch einmal darauf hinwies, dass Dolmetscher aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit normalerweise – wenn es denn so kommt – deutlich später an Demenz erkranken. Schöner Kollateralnutzen unseres Berufs!

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