Improved Reading – Sitzungsvorbereitung im Selbstversuch

Nun also meine erste Konferenzvorbereitung als Improved-Readerin. Meine Theorie: Ich lese die Texte auf Inhalt so schnell, dass ich nachher noch Zeit habe für eine weitere Runde reinen Terminologie-Scannings (was ein bisschen dem Augentraining aus dem IR-Kurs gleicht).

Was habe ich vor mir? Thema: Berufskrankheiten. Als erstes fällt mir auf: Die Texte sind auf Englisch, dolmetschen soll ich von Deutsch nach Spanisch. Naja, mal sehen, ob das meine effektive Leserate bremst. In der ersten Runde soll ja die Sprache erst einmal egal sein. Also ran!

Schritt 1: Und da geht es schon los. Man soll zunächst immer innerlich eine Frage bzw. Erwartung an den Text formulieren. Um sich mental einzustimmen. Was ist für uns als Dolmetscher die Erwartung an den Text? „Ich muss wissen, was drin steht“, fällt mir da spontan ein. Nicht so zielführend. Und vielleicht ein bisschen undifferenziert. Zweiter Versuch: „Was führt der Redner im Schilde? Worauf will er hinaus?“ Hm. Aber was interessiert denn die Zuhörer? Wer sind denn noch mal genau die Zuhörer? Für die wird das alles ja schließlich veranstaltet. Also noch einmal genau nachlesen …  Alles klar. Versicherungen, Regierungen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber. Also alle, die ein Interesse an der Vermeidung von Berufskrankheiten haben. Eigentlich logisch. Also lautet meine Fragestellung an den Text: „Wo sind die Risiken, was kann man dagegen tun?“ Unter diesem Motto versetze ich mich also in geistige Alarmbereitschaft.

Schritt 2: Lesen. 6918 Wörter reiner Text. 2817 Wörter in Form von Powerpoint.

Wenn ich 500 Wörter pro Minute schaffe, müsste ich mit allen Word-Dokumenten in 15 Minuten durch sein (1 Minute extra gerechnet für das Öffnen und Schließen der Dateien). Die ppts müssten in 6 Minuten zu schaffen sein. Da man so hochkonzentriert nicht länger als 15 Minuten arbeiten kann, plane ich nach den Word-Texten fünf Minuten Pause und lese dann die Präsis. Dann müsste ich in einer halben Stunde fertig sein.

Outlook aus, Telefon aus, Radio aus, Kaffeetasse weg, Bildschirm richtig positionieren und los! Gaaaaanz entspannt rhythmisch „chunken“, schön peripher sehen und nicht zurückspringen im Text!

Eine halbe Stunde später: Geschafft! 20 Minuten für die Fließtexte in Word, 4 Minuten für die Präsentationen. Und ich fühle mich dabei total informiert. Sehr gut!

 

Schritt 3: Terminologie. Da ich mich jetzt um den Inhalt nicht mehr so sehr scheren muss, geht das abscannen nach schwieriger Terminologie flott von der Hand. Die Zeit habe ich leider nicht erfasst, aber Terminologiesuche als Augenübung wäre ohnehin noch einmal ein separates Thema.

 

Und dann? – Dann kam, was kommen musste, gerade als ich noch dachte, wie gut vorbereitet ich mich fühlte: Am Vorabend der Konferenz wurden noch unzählige Präsentationen und Skripte geschickt. Also habe ich ruckzuck die ganze schöne Arbeitstechnik wieder über den Haufen geworfen und nur hektisch die Texte nach Undolmetschbarem abgesucht. Denn wenn man auch seine Lesegeschwindigkeit ganz offensichtlich verdoppeln kann, so kann man damit trotzdem nicht den Nachtschlaf ersetzen oder die Zeit anhalten.

 

Mein Fazit:

–           Das hochkonzentrierte, inhaltsfokussierte Improved Reading ging deutlich schneller und hat mir viel gebracht.

–          Das Lesen mit einer Fragestellung im Hinterkopf hat mir geholfen, einen persönlichen Bezug zum Thema herzustellen und mir Inhalte zu merken.

–          Das Trennen von inhaltlichem Lesen und Terminologiearbeit war deutlich effizienter und gleichzeitig müheloser.

–          In den Präsentationen, die ich vorher so konzentriert gelesen hatte, habe ich (gefühlt) souveräner gedolmetscht als in denen, die in allerletzter Minute eingereicht wurden und ich nur auf mögliche Stolpersteine abscannen konnte.

 

Meine Fragen:

Hat jemand von Euch Erfahrung mit (anderen) Lesetechniken? Findet oder fändet Ihr das sinnvoll oder ist Euch das alles viel zu viel Hektik in ohnehin hektischen Zeiten? Schließlich ist ja bald Weihnachten, wer will da schon effizient sein …

7 Gedanken zu „Improved Reading – Sitzungsvorbereitung im Selbstversuch“

  1. Ich habe manche Kunden, bei denen ich andersherum verfahre, weil die Thematik so ist, dass man den Inhalt (zumindest in den fremdsprachigen Texten) nicht versteht, wenn man nicht die schwierige Terminologie schon kennt. Dann suche ich in einem ersten Durchgang nur nach Terminologie, mache mir die Terminologie-Liste und lese dann erst die Texte auf Verständnis durch. Ein solcher Kurs würde mir wahrscheinlich auch gut tun! Kommt auf die Liste der Vorsätze fürs nächste Jahr…

  2. Ich finde den Artikel sehr spannend und hätte große Lust auf einen solchen Kurs. Gerade wenn man in letzter Minute mit Texten überhäuft wird, könnte das schnelle Lesen doch ein perfektes Mittel sein, die Texte herauszufiltern, die wirklich neue Infos (und damit evtl. auch neue Terminologie) enthalten – und dann könnte ich gleich besser schlafen, auch wenn ich die Last-Minute-Texte nicht mehr alle detailliert vorbereiten konnte 😉

  3. Ich tendiere tatsächlich auch zu deinem Ansatz, Anja. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es sich deutlich besser dolmetscht, wenn man auf jeden Fall die Inhalte verstanden hat, selbst wenn noch ein Teil der Terminologie unbekannt oder unklar ist (ich kann mir allerdings auch gut Fälle vorstellen, wo man zu Angelikas Methode greifen muss). Sprich: Ich lese in einem ersten Durchgang nur auf Verständnis und streiche Terminologie nur an und mache dann einen zweiten Durchgang, suche Begriffe raus und versuche dabei nochmal, sie auch im Kontext zu verstehen. Erfahrungsgemäß ist dann die Terminologie relativ schnell abgehandelt, zumindest bei den meisten Themen, mit denen ich zu tun habe. Funktioniert. Aber ob zeiteffizient…??? Beides gleichzeitig in einem Durchgang überfordert mein Gehirn und sorgt meistens dafür, dass weder das Eine noch das Andere wirklich klappt.

    1. Ach so, und da fällt mir gerade noch eine Sache ein. Ich lese ja weiterhin höchst altmodisch das Meiste in Papierform, u.a. weil ich mir einbilde, dass ich mir die Sachen vom Bildschirmlesen nicht merken kann.
      Hast du dazu was Interessantes gelernt, sprich: sollte oder sollte man nicht am Computer lesen, gibt es dazu irgendeine „Ideologie“ und was ist von meinem subjektiven Eindruck zu halten, dass ich am Bildschirm weniger verstehe? Und wenn das Ganze nur eine Einbildung ist, wie lerne ich, am Bildschirm verstehend zu lesen?
      Danke für eure Erkenntisse dazu!

      1. Das war bei mir ganz früher auch so. Ich habe mir am Anfang auch alle Übersetzungen ausgedruckt, weil ich meinte, die letzten Fehler würde ich nur auf Papier sehen. Irgendwann musste ich dann aber auch mehr und mehr Texte an Orten fertig machen, wo ich eben keinen Drucker hatte, und habe festgestellt, dass ich das am PC genauso gut kann. Bei mir war das im Kopf. Heute drucke ich fast gar nichts mehr aus.

      2. Zum Thema Papierlosigkeit:
        – Ich bin ein großer Fan davon, da ich vor allem den „Medienbruch“ als stressig empfinde, also immer zu überlegen: Steht es jetzt auf dem Papier oder im Rechner? Das gilt für mich sowohl im Büro als auch in der Kabine. Mir ist aber durchaus klar, dass viele am Papier hängen. Zur Frage, ob man beim Aufschreiben ein Wort besser lernt als beim Eintippen, gibt es ja die unterschiedlichsten Einschätzungen. Zuletzt habe ich noch in einer aktuellen kognitionswissenschaftlichen Publikation gelesen „Finger haben kein Gedächtnis“ (oder so ähnlich), wenn man sich nicht gerade das Schriftbild einprägen möchte (was beim Dolmetschen ja nicht im Vordergrund steht). Auf der anderen Seite ist auch eine positive Stimmung sehr wichtig für das Lernen. Ein endloses Thema.
        – Sehr Interessantes zum Thema findet man bei Mark Kreuzers Blog http://blog.microle.de/. Er war mit seinem „Papierlos-Experiment“ 2012 in den Medien und wir hatten ihn auch einmal bei unserem Konferenzdolmetscherstammtisch in Köln zu Gast (es war eine wahre Freude, ihm zuzuhören!).
        – Zum Lesen am PC gab es beim Improved Reading ein paar Tipps (oberste Bildschirmzeile deutlich unter Augenhöhe, 50-70 cm Sehabstand, Blickrichtung parallel zur Fensterfläche), aber viele Tipps zum Thema „Blick weiten“ gelten für Papier und Bildschirm gleichermaßen. In dem Zusammenhang vielleicht noch einmal der Buchtipp: Wolfgang Schmitz (2013): Schneller Lesen, besser verstehen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, und zwar leider nur als Papierbuch.
        – Die Hardware kommt uns ja allmählich in unserer Buch-Gewohntheit entgegen: Tablets bzw. Laptops, die man platt-klappen kann wie ein Buch (d.h. man kann es sich damit genauso gemütlich machen), elektronisches Papier, das kein Licht abstrahlt, Touchscreens, die das intuitive Rumfuhrwerken im Text mit den Fingern ermöglichen.

Kommentar verfassen